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Bosnien: Warum Der Westen Zuschaute View other pieces in "Das Magazin/ Tages-Anzeiger (Zurich)"
By Mark Danner September 26, 1998
Tags: Balkans, Bosnia Print

1 Kein Hund von Uns

Die Vorgeschichte: Warum Europa und Amerika dem Ende Jugoslawiens mehr oder weniger tatenlos zugeschaut haben, obwohl Schreckliches zu erwarten war.

Im Juli 1995, während die Menschen in Europa und Amerika Fe- rien machten, wurden in einer kleinen Stadt in Ostbosnien Hunderte von Muslimen mit verbundenen Augen auf Lastwagen und in Busse geladen. Die Serben hatten wenige Tage gebraucht, um das Städtchen zu erobern. Obwohl die Uno für die Sicherheit von Srebrenica gebürgt hatte, stiessen nun serbische Soldaten die entwaffneten Blauhelme verächtlich beiseite und spazierten durch die Reihen ihrer muslimischen Gefangenen.

In der Nacht zuvor hatten die siegestrunkenen Eroberer die muslimischen Männer von ihren schluchzenden Frauen getrennt, «zur Befragung», sagten die Serben. Doch als die Frauen Gewehrsalven hörten, wussten sie, dass sie die Männer nie mehr sehen würden. Als die Nacht dunkler wurde, holten sich die Soldaten zu ihrem Ver-gnügen junge Mädchen und Knaben, zehn, elf, zwölf Jahre alte.

Die Männer in den Bussen und Lastwagen fuhren eine kurze Strecke durch die Dunkelheit. Dann befahlen ihnen serbische Soldaten, auszusteigen. «Ich sah am untern Rand meiner Augenbinde Gras», erinnert sich einer der muslimischen Männer: «Mein Cousin Haris nahm mich an der Hand. «Sie werden uns hinrichten», sagte er. Ich hörte Gewehrfeuer, Haris wurde getroffen. Er taumelte und riss mich zu Boden. Leute stöhnten. Ich spürte, wie Haris’ Körper schwer wurde. Menschen rangen nach Luft, bettelten um Wasser. Sie wollten nicht durstig sterben. Von Ferne hörte ich einen Bulldozer. Ich hatte Angst, lebend begraben zu werden.»

Von dem mit Leichen übersäten Fussballplatz knipste ein amerikanischer Satellit ein Bild. Wenige Tage später fotografierte ein amerikanischer Pilot aus seinem Aufklärungsflugzeug dieselbe Stelle – inzwischen war der Platz umgegraben, bedeckt von frischer Erde.

Zu jener Zeit war der amerikanische Präsident damit beschäftigt, hinter dem Weissen Haus das Einlochen zu üben. Bill Clinton stand vornübergebeugt auf seinem Privatgolfplatz. Sandy Berger, sein stell- vertretender Berater für Fragen nationaler Sicherheit, und Nancy Soderberg, die Nummer drei im nationalen Sicherheitsrat (NSC), näherten sich ihm zögernd. Sie hätten Neuigkeiten aus Srebrenica, eröffnete Berger und begann, Clinton von Gerüchten über Massenhinrichtungen und Massaker zu erzählen. Er kam nicht weit.

Bob Woodward von der «Washington Post» berichtet: ««Das kann nicht weitergehen», sagte Clinton und bekam einen seiner berühmten Wutanfälle. «Wir müssen die Sache unter Kontrolle bringen.» Wo waren die neuen Ideen? Berger erinnerte ihn daran, dass Anthony Lake, Clintons Berater für Fragen nationaler Sicherheit, eine Endspielstrategie zu entwickeln versuche.

«Ich werde fertiggemacht!» sagte Clinton, und in einem Schwall von Schimpfwörtern brach seine Frustration aus ihm heraus. Ohne zu Berger oder Soderberg aufzublicken, schlug er Ball um Ball in Richtung Loch. Die beiden kickten ihm die Bälle zurück, damit er wieder putten konnte. Er stecke in einer unmöglichen Lage, sagte Clinton. Er müsse etwas unternehmen.»

Bemerkenswert ist hier nicht Clintons Tirade – jeder, der seine Karriere verfolgt hat, ist mit derartigem vertraut -, sondern dass seine Regierung nach diesem Ausbruch tatsächlich «etwas unternahm».

Drei Wochen später, am 4. August 1995, führten die Kroaten – nachdem ihnen die Amerikaner diskret grünes Licht gegeben hatten – einen Blitzangriff auf die Krajina, die von Serben bewohnte Region Kroatiens, welche die Serben zu Beginn des Kriegs erobert hatten. In vier Tagen eroberte die kroatische Armee, die mit Hilfe des Irans und anderer Nahoststaaten wiederbewaffnet und deren Soldaten von pensionierten amerikanischen Offizieren ausgebildet worden waren, die ganze Region zurück und vertrieb die Serben, deren Familien in vielen Fällen jahrhundertelang dort gelebt hatten. In der Folge gewannen die Kroaten und die bosnischen Muslime, die dank den Bemühungen amerikanischer Diplomaten ein lockeres Bündnis gebildet hatten, rasch von den Serben besetzte Territorien zurück. Das Kriegsglück begann sich zu wenden.

Am 28. August 1995 feuerten serbische Artilleristen eine Granate in einen Markt von Sarajevo und töteten 37 Menschen. Sofort drängte Clinton die Nato, ihre Jagdbomber zu starten. Mehr als zwei Wochen unablässiger Bombardierungen, Siege auf kroatischer und auf serbischer Seite sowie die damit einhergehenden territorialen und «demographischen» Veränderungen – sprich: «ethnische Säuberungen» – führten dazu, dass drei Monate später in Dayton, Ohio, endlich ein Friedensabkommen geschlossen werden konnte und dass auch amerikanische Soldaten losgeschickt wurden, um es durchzusetzen.

Was hatte Clinton dazu gebracht – nach viereinhalb Jahren unsagbarer Brutalitäten, die rund 300 000 Tote und drei Millionen Flüchtlinge zur Folge hatten -, die amerikanische Armee doch noch in den jugoslawischen Krieg eingreifen zu lassen?

Während der ersten 18 Monate des Kriegs in Jugoslawien, vom Juni 1991 bis Dezember 1992, hatten der damalige Präsident George Bush und seine Berater disziplinierte Reserviertheit praktiziert – «an diesem Kampf ist keiner unserer Hunde beteiligt», wie es der damalige Aussenminister James Baker formulierte. Und obschon Clinton während seiner Wahlkampagne 1992 verkündet hatte, wie sehr das Schicksal der bosnischen Muslime ihn treffe, hatte er sich, sowie er im Amt war, nicht gewillter als Bush gezeigt, das Leben amerikanischer Soldaten zu riskieren, um den Muslimen zu helfen.

Inzwischen war Bosnien zu einem zentralen amerikanischen Interessengebiet geworden: Clintons Sicherheitsberater Anthony Lake erklärte es zu einem «Symbol der US-amerikanischen Aussenpolitik». Wie und wann war es dazu gekommen?

Die andauernden Schlächtereien in Bosnien und die Unfähigkeit der «internationalen Gemeinschaft», sie zu beenden, bedrohten das Prestige und damit auch die Macht der USA und der internationalen Institutionen. Wenn Soldaten eines kleinen europäischen Staates vor den Fernsehkameras der Welt unbewaffnete Menschen in grosser Zahl systematisch umbringen und die führenden Politiker der USA nur händeringend zuschauen, wirken die USA unweigerlich «schwach». Und wenn amerikanische Regierungsvertreter und ihre Pendants in Paris, London und Bonn ihre Zeit damit verbringen, einander öffentlich aufs übelste zu kritisieren, wird das west- liche Bündnis langfristig macht- und bedeutungslos.

Würde dem Blutvergiessen kein Ende gemacht, könnte es die Nato untergraben sowie die Uno und andere internationale Organisationen zu einem Zeitpunkt schwächen, da sie ihre Absichten für die Welt nach dem Kalten Krieg erklären wollten; und letztlich könnte es sogar jene internationale Ordnung umstürzen, welche die USA als neue unbestrittene Vormacht aufrechterhalten wollten.

Anfang 1989 sassen in einem verrauchten Büro im siebten Stock des US-Aussenministeriums zwei Jugoslawienexperten, «alte Jugo-Hasen». Das Büro und der Rauch gehörten Lawrence Eagleburger, George Bushs asthmatischem designiertem Unterstaatssekretär, der gerade heimlich eine Zigarette rauchte. Sein Besucher war Warren Zimmermann, ein langjähriger Beamter im diplomatischen Dienst. Eben war seine Berufung zum Botschafter in Jugoslawien vom Senat bestätigt worden; nun wollte er Rat holen bei dem Mann, der Ende der siebziger Jahre denselben Posten innegehabt hatte und den er als «einen der grössten amerikanischen Balkanexperten» respektierte.

In der verrauchten Enge des Büros mühten sich die beiden Männer mit einer scheinbar einfachen Frage ab: Was waren die Interessen der USA in Jugoslawien?

Jugoslawien war nicht mehr das liebste Kind amerikanischer Ostpolitik, dem mit grosszügigen Krediten geholfen wurde wie noch zu Titos Zeiten und selbst nach dem Tod des schlauen Diktators 1981. Damals honorierte der Westen Titos Bruch mit Moskau, doch nach dem Ende des Kalten Krieges schien diese Politik überholt.

«Eagleburger und ich», schreibt Warren Zimmermann in seinen Memoiren, «kamen überein, dass ich in Belgrad und den Republiken eine neue Botschaft verkünden sollte: Jugoslawien und der Balkan seien nach wie vor wichtig für die Interessen der USA, doch hätten sie nicht mehr dieselbe geopolitische Bedeutung wie früher.»

Die Tragik von Eagleburger und Zimmermann lag darin, dass sie schwere Fehler gerade deshalb begingen, weil sie meinten, als Fachleute etwas von der Sache zu verstehen. Oder wie es der NSC-Angestellte Robert Hutchings formuliert: «Sie wandten strategische Rezepte von gestern auf die Probleme von morgen an.»

Ein anderer «alter Jugo-Hase» jedoch erfasste die Situation haargenau: George Kennan, der grosse alte Mann der US-Aussenpolitik, der von 1961 bis 1963 Botschafter in Jugoslawien war. Warren Zimmermann zitiert ihn mit der folgenden bemerkenswerten Fest- stellung aus dem Sommer 1989: «Heute, da der Kalte Krieg dem Ende zugeht, glauben die Leute, Jugoslawien könne keinen Schaden mehr anrichten. Ich halte das für einen Irrtum. Ich glaube, in Jugoslawien wird es zu Gewaltausbrüchen kommen, die die westlichen Länder und besonders die USA vor eines der grössten aussenpolitischen Probleme der nächsten Jahre stellen werden.»

Wie so oft in seiner langen Karriere spielte Kennan damit den Rufer in der Wüste. Denn er sagte dies zwei Jahre vor dem Ausbruch jenes Krieges, den die amerikanischen Politiker hätten verhindern können – wenn sie die Sache für wichtig genug gehalten hätten.

Statt dessen setzten die Amerikaner im aufkommenden Klima des Nationalismus in Jugoslawien auf Premierminister Ante Markovic, einen Geschäftsmann mit Modernisierungsideen, der davon träumte, aus Jugoslawien «ein westliches demokratisches Land mit kapitalistischem System» zu machen. Doch ohne Geld konnte er nicht viel ausrichten. «Vier Milliarden Dollar», meinte er zu Botschafter Zimmermann, «wären ein guter Anfang, um eine Reform zu unterstützen, die weiter gehen wird als jede andere in Osteuropa.»

«Ich schluckte heftig», schreibt Warren Zimmermann, «und sagte ihm, ich werde seine Bitte nach Washington weiterleiten. Ich kannte die Antwort. Die amerikanische Osteuropapolitik konzentrierte sich auf Polen und Ungarn, Länder, die auf dem Reformweg schneller vorankamen als Jugoslawien und ohne den Ballast nationalistischer Spaltungstendenzen. Jugoslawien würde als risikoreich eingeschätzt werden und entsprechend wenig Priorität haben.»

Verglichen mit den Europäern allerdings, betrieben die Amerikaner eine geradezu energische Jugoslawienpolitik. Bereits im Spätsommer 1990 hatten NSC-Stabsmitglieder die Europäer davon zu überzeugen versucht, die Jugoslawienkrise bei der nächsten Nato- oder KSZE-Konferenz zu erörtern. Auf diese vernünftige Anfrage erhielten die Amerikaner Antworten, die Robert Hutchings, damals bei der KSZE zuständig für europäische Angelegenheiten, als «schockierend verantwortungslos» bezeichnete. Sie reichten von lauem Interesse seitens der Österreicher und Ungarn über herablassende Ermahnungen der Engländer und Deutschen, man solle «nicht überreagieren», bis zum direkten Vorwurf der Franzosen, die Amerikaner seien mal wieder dabei, die Situation «allzusehr zu dramatisieren». Waren die Amerikaner unwillig, die nötigen Schritte zu unternehmen, um das Jugoslawienproblem anzugehen, gestanden sich die Europäer noch gar nicht ein, dass es ein solches Problem überhaupt gab.

Im September 1990 legte die CIA eine längere Einschätzung der Lage vor, worin – laut einem ungenannten Beamten, der von der «New York Times» zitiert wurde – unumwunden erklärt wurde, «das jugoslawische Experiment ist gescheitert, das Land bricht auseinander», was «von ethnischen Gewaltausbrüchen und Unruhen begleitet sein wird, die zu einem Bürgerkrieg führen könnten».

Aus der amerikanischen Botschaft in Belgrad war ähnliches zu hören. Zimmermann rapportierte, «ein Auseinanderbrechen Jugo-slawiens kann niemals friedlich erfolgen. Der Zusammenbruch des Landes würde mit Sicherheit zu extremen Gewaltausbrüchen, vielleicht sogar zu Krieg führen.»

Aus alledem zogen amerikanische Regierungsbeamte den Schluss, die einzig mögliche Politik sei, unablässig auf eine Form von Einheit zu drängen. Und das taten sie noch lange, nachdem klar geworden war, dass der Bundesstaat keine Zukunft hatte. Zumindest eine «andere Möglichkeit für die amerikanische Politik» wäre denkbar gewesen. Die USA hätten den Zusammenbruch zwar als unvermeidlich hinnehmen, gleichzeitig aber auch ihre unangefochtene Macht dafür verwenden können, den Frieden aufrechtzuerhalten – mit anderen Worten: deutlich zu machen, dass, was immer die jugoslawischen Republiken taten, die USA den Ausbruch eines offenen Kriegs in Europa nicht zulassen würden.

Um diesen Kurs einzuschlagen, hätten die Beamten der Bush-Administration aber erst einmal das wirkliche Gefahrenpotential der jugoslawischen Krise erkennen und begreifen müssen, dass die Verhinderung eines langen und blutigen Kriegs in Europa für die USA von höchster Wichtigkeit war. Sie hätten ernsthaft verschiedene Lösungsmöglichkeiten erforschen müssen. Und, was das Wichtigste war: Sie hätten, um die damit verbundene aktive Diplomatie betreiben zu können, militärische Gewalt nicht von vornherein aus-schliessen dürfen, sondern damit drohen müssen.

Doch letzteres, dies sollte schon bald klar werden, war der Punkt, an dem das Ganze scheiterte.

Am 21. Juni 1991, vier Tage vor der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens und Kroatiens, warf sich Aussenminister James Baker in den Kampf, um die Einheit Jugoslawiens zu retten und den Ausbruch von Gewalt zu vermeiden. In einem elfstündigen Marathon besuchte er die Hauptstädte der jugoslawischen Teilrepubliken. Der damalige montenegrinische Staatschef Momir Bulatovic erinnert sich, dass, nachdem Baker und er sich gesetzt hatten, «der Aussenminister nicht wusste, wie er das Gespräch mit mir beginnen sollte, bis sie ihm sein Briefing-Buch brachten. Ich warf einen schnellen Blick hinein, und da standen nur zwei Zeilen über Montenegro.»

Baker war heftig und unnachgiebig, aber er liess nicht nur jede explizite Drohung unterbleiben, sondern machte ausserdem klar, dass die USA jede Anwendung von Gewalt ausschlossen.

«1990 sah Milosevic, dass er die amerikanischen Druckversuche problemlos ignorieren konnte, da Washington mit seiner strengen Rhetorik keine konkreten Drohungen verband und erst recht nicht handeln würde», schreibt Zimmermann. Unbestritten ist, dass zu diesem Zeitpunkt, als noch nicht wirklich Blut geflossen war, ohne die Möglichkeit härteren Durchgreifens auf diplomatischem Wege nichts zu erreichen war. Doch «solche Zwänge wurden nicht in Betracht gezogen».

Die USA «warnten gleichermassen vor einseitigen Unabhängigkeitserklärungen wie vor Gewaltanwendung zum Zusammenhalten des Bundesstaates», doch, wie Robert Hutchings schreibt, «schien Amerika Gewaltanwendung durch die Serben zu sanktionieren, falls die Slowenen und Kroaten sich loslösen sollten».

Im Flugzeug, das in Belgrad abhob, sass ein erschöpfter Aussenminister Baker und grübelte über die Jugoslawiensache, die ihn, wie er später seinem Präsidenten schrieb, «richtiggehend deprimierte. Ich finde es ehrlich gesagt einfacher, mit Shamir und Assad im Nahen Osten zu verhandeln, als bei einem Milosevic oder Tudjman auf dem Balkan etwas auszurichten.»

Vier Tage später, am 25. Juni 1991, erklärten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit, wodurch Baker sich persönlich beleidigt und «gekränkt fühlte, dass er so wenig Einfluss hatte».

Während die Jugoslawische Volksarmee (JVA) Slowenien nach elf Tagen der Unabhängigkeit überliess, kam es vom Sommer 1991 an in Kroatien zu heftigen Kämpfen zwischen Kroaten und der mehrheitlich serbischen JVA. Das erste, die ganze Welt aufrüttelnde Massaker des Krieges ereignete sich in Vukovar, als die ostkroatische Stadt nach dreimonatiger Belagerung der Willkür betrunkener serbischer Freischärler überlassen war, die im Schutz der JVA die Stadt besetzten. Im Westen ertönte der erste hörbare Aufschrei, als die Serben im Spätherbst 1991 Dubrovnik bombardierten, die alte, von der Unesco geschützte Stadt an der Adria. Verzweifelt darum bemüht, Dubrovnik zu retten, bat der kroatische Präsident Franjo Tudjman die USA inständig, die Sechste Flotte ins Adriatische Meer zu schicken. Sogar wenn die Schiffe nichts unternahmen, könnte ihr blosses Vorbeifahren die Serben abschrecken. Doch für Staats- sekretär Eagleburger war «könnte» das entscheidende Wort: «Sie «könnten» kapieren. Sie könnten auch nicht kapieren, und dann stehen wir vor der Frage, was wir als nächstes tun.»

Es war, als würde den USA, sowie sie den kleinsten Schritt unternähmen, die Kontrolle über ihre Politik zwangsläufig entgleiten. Obschon Bush wenige Monate zuvor erklärt hatte, das sogenannte Vietnamsyndrom sei unter dem Sand des Persischen Golfs «ein für allemal begraben», sehen wir es hier langsam von den Toten auf- erstehen. Die Folge dieses neuen Vietnamsyndroms war, dass für Jugoslawien nichts ausser einem totalen Engagement überhaupt je in Betracht gezogen werden konnte.

All diese Fehleinschätzungen ergaben, wie Wayne Bert in «The Reluctant Superpower» («Die Weltmacht wider Willen») schreibt, ein sonderbares Paradox: «Eagleburger sah die Glaubwürdigkeit der USA dann in Frage gestellt, wenn Drohungen ausgesprochen wurden, ohne ihnen Nachachtung zu verschaffen.» Es sollte vier weitere Kriegsjahre, Hunderttausende von Toten und einen neuen, unerfahrenen US-Präsidenten brauchen, um deutlich zu machen, dass eben diese Untätigkeit, wie Sicherheitsberater Anthony Lake gesagt hatte, «den USA und ihrem Ansehen in der Welt enorm schadete».

Tatsächlich wäre dieser Zeitpunkt im Herbst 1991 der letzte gewesen, an dem die USA und Westeuropa den Krieg in Kroatien mit relativ wenig Aufwand hätten aufhalten und so den Ausbruch des viel heftigeren Bosnienkriegs im März 1992 hätten verhindern können. General John Galvin, der damalige Oberkommandierende der Alliierten Streitkräfte in Europa, hatte Alternativpläne ausgearbeitet, wonach die Flotte ins Adriatische Meer vorgestossen wäre und «diese serbischen Schiffe einfach weggefegt und die Artillerie gleich mit erledigt hätte. Ich glaube, wir hätten dieses Ziel mit geringen oder keinen Verlusten erreichen können.»

In Washington arbeiteten amerikanische Militärs zu dieser Zeit an Plänen für eine mögliche Intervention in Vukovar und Dubrovnik, den belagerten Städten. Die dreissig Kilometer lange Kolonne von Panzerfahrzeugen, die sich von Serbien nach Kroatien bewegte, hätte sich für einen amerikanischen Luftangriff geradezu angeboten.

Colonel Karl Lowe von der militärischen Planungsabteilung beschäftigte sich damals auch mit Jugoslawien: «Erstens war die jugoslawische Marine ziemlich klein. Verglichen mit der United States Navy und der Schlagkraft, welche diese sehr rasch wo auch immer entwickeln konnte, hatte diese keine Chance gegen eine solche Übermacht.

Ebensowenig hätten die serbischen Streitkräfte um Vukovar einem Luftangriff der USA standhalten können, vor allem wenn man diese Luftangriffe ein paar Tage lang auf die Kommando- und Kontrollapparaturen konzentriert und konzertiert geführt hätte. Freilich wären wahrscheinlich gar keine Flächenbombardierungen des Gebiets nötig gewesen, hätten wir davor einmal kräftig demonstriert, das heisst: die Navy ins Adriatische Meer geschickt, Bodentruppen von Mitteleuropa nach Südosteuropa verlegt und die Luftwaffe ganz einfach über das Gebiet fliegen lassen als ganz deutliches Signal, dass wir eingreifen würden, wenn sie nicht zurückwichen.»

Warum sollte ein «ganz deutliches Signal» irgendwelche Wirkung zeitigen? «Vergessen Sie nicht», sagte Lowe, «das war drei Monate nach «Desert Storm». Überall auf der Welt hatten die Leute «Desert Storm» gesehen und sich gesagt: «Das ist ein Wunder.» Eine der grössten Armeen der Welt war in nicht mehr als neunzig Tagen vernichtet worden.»

Die Amerikaner hatten die Verantwortung dafür, mit Ex-Jugoslawien fertig zu werden, an die Europäer weitergegeben, die sie in ihrer Post-Maastricht-Euphorie mit Freuden übernahmen. «Dies ist die Stunde Europas!» jubelte der luxemburgische Aussenminister Jacques Poos, dessen Worte ihn überleben sollten.

Die den Kontinent von Konferenztisch zu Konferenztisch durchreisenden Europäer wurden bald mit Verachtung gestraft. Fortan betrachteten die Kämpfenden auf dem Balkan die Diplomaten als blosse Instrumente, um Vorteile für sich herauszuschinden: hier ein bisschen auf Zeit zu spielen, dort eine Verteidigung aufzubauen.

In seiner brillanten Studie «The Serbs» («Die Serben») zitiert Tim Judah die Abschrift eines Telefongesprächs des serbischen Präsidenten Milosevic mit Serbenführer Karadzic; sie wurde der jugo- slawischen Presse im September 1991 zugespielt, als Milosevic, ohne mit der Wimper zu zucken, noch immer behauptete, er und die Jugoslawische Volksarmee (JVA) hätten mit dem nun aufkeimenden Krieg in Bosnien nichts zu tun.

Milosevic: Geh zu General Uzelac, dem Kommandanten der Volksarmee in Banja Luka, der wird dir alles sagen. Falls du Probleme hast, ruf mich an.

Karadzic: Ich habe Probleme in Kupres unten. Manche Serben dort wollen nicht gehorchen.

Milosevic: Das kriegen wir schon hin. Ruf einfach Uzelac an. Keine Angst, du kriegst alles. Wir sind die Stärksten.

Karadzic: Ja, ja.

Milosevic: Keine Angst. Solange es die Armee gibt, hat niemand eine Chance gegen uns.

Hätten die Amerikaner auf die von Colonel Lowe skizzierte Weise eingegriffen, wäre vielleicht nicht allen Kämpfen ein Ende gemacht, aber ihr Ausmass wäre drastisch reduziert worden. Noch während die JVA die kroatischen Verteidiger von Vukovar zermalmte, machte den Serben die Vorstellung einer Intervention von aussen solche Sorgen, dass Milosevic einen von der Armee auf Zagreb selbst geplanten Angriff ablehnte, aus Angst, wie ein hoher Mitarbeiter es formulierte, «wenn wir einen totalen Krieg gegen Kroatien führen, rufen die Deutschland, Österreich, Ungarn und weiss Gott wen noch zu Hilfe. Wir haben keine solchen Verbündeten.»

General Galvin kontaktierte Washington in Sachen Dubrovnik: «Ich rief Generalstabschef Colin Powell an und fragte, was los sei, und er sagte: «Daraus wird nichts.» Ich fragte warum, und er sagte: «Niemand unterstützt die Idee, dass wir uns da einmischen. Keiner will was unternehmen. Es wird nichts daraus.»»

Am 18. November fiel Vukovar, und die Welt konnte bei einem ersten Massaker dieses Kriegs zusehen: der Ermordung der Verwundeten im Stadtkrankenhaus. Bei den Europäern trat jetzt «Mitgefühl» an die Stelle der erfolglosen Diplomatie.

Ohne etwas zu unternehmen, sahen die amerikanischen Regierungsvertreter mit wachsendem Entsetzen zu und waren vermutlich dankbar, dass, wie Aussenminister Baker es nach seiner enttäuschenden Reise nach Belgrad ausgedrückt hatte, an diesem Kampf keiner ihrer Hunde beteiligt war.

In den folgenden Monaten sollte diese Position immer schwie- riger zu halten sein. Anfang August 1992 tauchten Bilder auf, wie man sie in Europa seit den vierziger Jahren nie mehr gesehen hatte: Bilder ausgemergelter Männer, die stumpf hinter Stachel- draht hervorblickten. Damals erfuhr die Welt von einem Lager namens Omarska. Drei Jahre lang – bis Srebrenica – kam ihm nichts an Grauen gleich. ·

Vorderseite US-Präsident Bill Clinton beim Golfspiel.

Rechts Präsident George Bush am 4. November 1992, einen Tag seiner Wahlniederlage gegen Bill Clinton.

Unten Die Schwarzweissaufnahmen dieses Kapitels entstanden im Sommer 1993 im muslimischen Teil von Bosnien.

Die Konfliktgebiete am Vorabend des Krieges in Jugoslawien. Die Grenzziehungen entsprechen den innerjugoslawischen Grenzen, die von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt wurden. Kosovo und die Vojvodina, ursprünglich autonome Regionen, wurden 1988 von Serbien anektiert.

Links Der serbische Präsident Slobodan Milosevic am 13. Dezember 1992, nachdem die EU Serbien als den Hauptverantwortlichen für den Krieg in Bosnien bezeichnet hat.

Rechts Die kroatische Stadt Dubrovnik unter Beschuss der Jugoslawischen Volksarmee, 9. bis 11. November 1991.

Links Der kroatische Präsident Franjo Tudjman an der Bosnienkonferenz 1993 in Genf.

Rechts Uno-Truppen werden im Frühling 1992 von der

Bevölkerung begrüsst.


2 Bush wusste mehr

In Bosnien wurden Menschen in serbischen Lagern grausam umgebracht. Wenn der Westen sofort reagiert hätte, wären einige der Gefangenen heute noch am Leben.

Am 5. August 1992 steht «Guardian»-Reporter Ed Vulliamy, der als erster Zeitungsmann zusammen mit einigen Berufskollegen in das Lager von Omarska hineingelassen wurde, in der sogenannten Kantine und sieht bestürzt, wie dreissig ausgemergelte Männer auf den Hof taumeln und im Sonnenlicht die Augen zusammenkneifen: «Ihre Köpfe sind frisch rasiert, die Kleider hängen lose an ihren zu Skeletten abgemagerten Körpern. Manche von ihnen können sich kaum bewegen. In der Kantine stehen sie in gehorsamem, unterwürfigem Schweigen an, um eine magere, wässerige Portion Bohnen zu holen.»

Sie haben genau drei Minuten Zeit, um aus dem Schuppen zu laufen, für das Essen anzustehen, es hinunterzuschlingen und zurückzulaufen. «Wer das nicht schaffte, wurde geschlagen oder umgebracht», berichtete der Menschenrechtorganisation Helsinki-Watch ein als Mirsad zitierter Gefangener. «Der Eintopf, den man uns gab, war siedend heiss, wir alle hatten innere Verbrennungen. Das Innere meines Mundes löste sich in Fetzen.»

Vulliamy und seine Kollegen stehen da und betrachten die Menschenwesen, die ihre Rationen hinunterzuschlingen bemüht sind: «Die Knochen ihrer Ellbogen und Handgelenke stechen wie kantige Steine aus den bleistiftdünnen Stengeln hervor, die von ihren Armen übriggeblieben sind. Ihre Haut hat sich zersetzt, ihre Hautfarbe wirkt zerfressen. Sie sind am Leben, doch zerfallen, erniedrigt, gedemütigt und vollkommen unterwürfig; dennoch heften sich ihre riesigen hohlen Augen auf uns, als wären sie Dolche.»

Dieses Einanderanstarren ist eine aussergewöhnliche Konfrontation. Vulliamy und seine Kollegen berichten aus einem in den neunziger Jahren unseres Jahrhunderts betriebenen Konzentra- tionslager. Die ganze Zeit stapfen serbische Bewacher in Kampf- anzügen durch den Raum, sie tragen Kalaschnikows auf sich und um die Hüften lange, in Scheiden steckende Militärmesser, und die Augen über ihren Bärten blitzen böse.

Vulliamy spricht einen jungen Mann an. «Er war ausgemergelt, seine Augen lagen tief, er verschlang seinen wässerigen Bohneneintopf wie ein ausgehungerter Hund, seine spindeldürren Hände zitterten.» Doch der Mann will nichts wissen. «Ich will keine Lügen erzählen», sagt er, «aber die Wahrheit kann ich nicht sagen.» Eine vielsagende Äusserung: Die meisten Gefangenen erweisen sich als «zu verängstigt, um zu sprechen, senken die Köpfe und entschuldigen sich mit einem Blick auf die auf und ab gehenden Soldaten, oder dann starren sie einfach ausdruckslos vor sich hin, dumpf und vollkommen verängstigt».

Die Reporter verlangen, das Krankenhaus zu sehen, was barsch abgelehnt wird. Sie dürfen auch keinen Blick in das von den Gefangenen so genannte «Weisse Haus» werfen, wo gefoltert wird, oder in den rostfarbigen Metallschuppen, aus dem die Gefangenen, die Augen in der Augustsonne zukneifend, gekommen sind.

Später beschreiben Überlebende den Schuppen als «riesigen Hühnerstall für Menschen, in den Tausende von Männern 24 Stunden täglich eingepfercht wurden, wo sie in ihrem eigenen Dreck lebten und in vielen Fällen erstickten». So dicht wurden die Gefangenen in der beklemmenden, stickigen Hitze zusammengedrängt, erzählt Sakib R. Vulliamy, dass es unmöglich war, sich hinzulegen, und manche im Stehen das Bewusstsein verloren und gegeneinander fielen. «Ich zählte 700, die ich um mich herum sehen konnte. Viele wurden wahnsinnig, und wenn das geschah, wurden die Zitternden und Schreienden herausgeholt und erschossen.»

Obschon die Wärter in Omarska und anderen Lagern viele Gefangene erschossen, war dies keineswegs ihre Lieblingsmethode zu töten. In Omarska war das Morden in der Regel ein emotionaler und persönlicher Vorgang, da es auf dem simplen und intimen Akt des Erschlagens beruhte. «Sie schlugen uns mit Knüppeln, Schlägern, Schläuchen und Gewehrkolben», berichtete ein Überlebender einem Helsinki-Watch-Interviewer. «Am liebsten mochten sie einen dicken Gummischlauch mit Metall an beiden Enden.» Sie seien, sagte ein anderer, «mit geflochtenen Kabeldrähten» geschlagen worden und mit «bleigefüllten» Rohren.

Ein Überlebender, der von Uno-Untersuchungsbeamten befragt wurde, schätzte, oft seien «zwanzig bis vierzig Gefangene nachts umgebracht worden – «mit Messern, Hämmern oder durch Verbrennen». Er habe miterlebt, wie sieben Wärter einen Gefangenen umbrachten, indem sie ihn mit Benzin übergossen und mit einem Hammer auf den Kopf schlugen.» Alle Gefangenen wurden geschlagen, doch laut den Uno-Untersuchungsbeamten behandelten die Wärter in allen Lagern «Intellektuelle, Politiker, Polizisten und Reiche» besonders grausam. Als vier Wärter den Präsidenten der örtlichen Kroatischen Demokratischen Union, Silvije Saric, zusammen mit Professor Puskar aus dem nahen Prijedor zu einem «Verhör» holten, hörte eine Gefangene «Schläge und Schreie. Manchmal klang es, als splitterte Holz, doch das waren Knochen, die zerschmettert wurden. Als die Tür aufging, brüllten sie uns an: «Ustasa-Schlampe, schau, was wir mit denen machen!» Ich sah zwei Haufen Blut und Fleisch in der Ecke. Auf die beiden Männer war so grauenhaft eingeschlagen worden, dass sie nicht mehr als menschliche Gestalten zu erkennen waren.»

Als die Gesichter hinter Stacheldraht im Fernsehen gezeigt wurden, reagierten die Beamten der Bush-Regierung instinktiv: Sie bestritten, etwas von den Lagern gewusst zu haben. Oder vielmehr: Zuerst sagten sie, sie wüssten Bescheid, und am nächsten Tag, sie wüssten von nichts.

Am 3. August 1992, dem Tag, nachdem in der New Yorker Zeitung «Newsday» die erste drastische Omarska-Reportage des Journalisten Roy Gutman erschienen war, stellte sich Richard Boucher, der stellvertretende Sprecher des amerikanischen Aussenministeriums, den Reportern und sagte, die Regierung habe nicht nur gewusst, «dass die Serben von ihnen sogenannte Strafanstalten» unterhielten, sondern auch, dass es dort zu «Gewalttaten, Folter und Mord» komme. Zornige Fragen folgten: Wenn Präsident George Bush von diesen Lagern gewusst habe, warum hatte er sie dann nicht auch öffentlich angeprangert? Warum hatte er nicht auf der Freilassung der Gefangenen bestanden oder darauf, dass dem Roten Kreuz freier Zugang zu allen Lagern gestattet werde? Und warum hatte der Präsident nicht wenigstens enthüllt, dass es solche Lager gab?

Am nächsten Morgen sagte Thomas Niles, stellvertretender Aussenminister für europäische Angelegenheiten, im Ausschuss für Auswärtiges des Repräsentantenhauses: «Wir haben bis jetzt keine erhärteten Informationen, die das Vorhandensein solcher Lager bestätigen würden.» Weniger als 24 Stunden zuvor hatten Bush-Regierungsvertreter noch gesagt, sie seien über die Greuel in Omarska im Bild.

Die Bush-Leute, die fast zwei Jahre zuvor zum Schluss gekommen waren, drastische Massnahmen seien ein zu grosses Risiko, befürchteten nun, der von solch «telegenen», aber ihrer Ansicht nach kurzlebigen Greueln vorübergehend angeheizte Volkszorn könnte sie zu genau solchen Massnahmen drängen. Andernfalls würde das aufgewühlte Volk sie knapp drei Monate vor den Wah- len politisch bestrafen für ihr Nichtstun.

Am 6. August, dem Tag, als die vom britischen Fernsehsender ITN aufgenommenen Bilder ausgemergelter Gefangener auf der ganzen Welt ausgestrahlt wurden, verlangte Präsident Bush endlich, dass internationale Beobachter Zugang zu den Lagern erhielten, und Gouverneur Clinton, unterdessen der demokratische Präsidentschaftskandidat, forderte die Bush-Regierung dazu auf, die Nato zur Entsendung von Jagdbombern zu drängen, um die muslimischen Bosnier vor der «auf ihrer ethnischen Herkunft beruhenden, gezielten und systematischen Ausrottung» zu retten. Am nächsten Tag reagierte Bush in seinem Ferienort Kennebunkport auf den Fragenhagel trotzig: «Die politischen Druckversuche sind mir egal. Bevor ein einziger Soldat in die Schlacht geschickt wird, will ich wissen, wie dieser Mann da wieder herauskommt. Wir dürfen uns in keinen Guerillakrieg verstricken lassen. Das haben wir schon mal durchgemacht.»

Der ehemalige Botschafter in Jugoslawien, Warren Zimmermann, berichtet: Als in jenem August Teile der Regierung die Möglichkeit einer «Luftoperation» zur Rettung der Opfer dieser Lager erwähnten und Aussenminister Baker und Brent Scrowcroft, der Berater für Fragen nationaler Sicherheit, echtes Interesse daran zeigten, «gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass der Präsident daran im geringsten interessiert war, und so wurde nichts getan».

Ende September, als die von den Konzentrationslagerbildern ausgelöste Debatte ihren Höhepunkt erreichte, liess General Colin Powell, der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs, einen «New York Times»-Reporter zu sich ins Büro kommen und gab ein bemerkenswertes Interview. Die Zeitung brachte es auf der Titelseite mit der Überschrift «Powell sagt klar nein zu begrenztem Einsatz in Bosnien». Powell erklärte: «Sobald Politiker mir sagen, etwas sei begrenzt, bedeutet das, es ist ihnen egal, ob man ein Resultat erzielt oder nicht. Sobald die von «chirurgischen Eingriffen» reden, renne ich in den nächsten Bunker.»

Es ist also nicht weiter überraschend, dass die erste Reaktion des Aussenministeriums auf die Gesichter aus Omarska die ehrliche gewesen war. Die amerikanische Regierung hatte selbstverständlich, lange bevor die Bilder und Reportagen veröffentlicht wurden, von den serbischen Lagern gewusst. Die einzige Frage war: Seit wann genau? Wie John Fox, ein Beamter des politischen Planungsbüros des Aussenministeriums, ABC News mitteilte: «Ab Juni, ganz bestimmt ab Juli 1992, also lange vor den Enthüllungen durch die Medien, hatte die US-Regierung glaubhafte und verifizierte Berichte über die Lager in ihrem Besitz.» Die Empörung, die eine solche Nachricht ausgelöst hätte, war absehbar; aber die Regierung war nach wie vor fest entschlossen, nichts zu tun.

Bereits Anfang April 1992, eine Woche nachdem Offiziere der neu getauften bosnisch-serbischen Armee ihren Eroberungsfeldzug in Bosnien begonnen hatten, erhielten Regierungsbeamte in Washington Berichte von Greueln wie Massenhinrichtungen, Verstümmelungen und Vergewaltigungen.

Die 80 000 Mann starke bosnisch-serbische Armee, die voll ausgerüstet aus der Jugoslawischen Volksarmee (JVA) hervorgegangen war, eroberte in knapp sechs Wochen 60 Prozent des bosnischen Territoriums, und Beamte des amerikanischen Aussen- ministeriums trugen Aussagen über zunehmend erschreckende und grausige Ausschreitungen zusammen. Jon Western, der sich damals im Aussenministerium mit den Menschenrechten beschäftigte, erinnert sich an den Bericht über eine junge Frau, die von paramilitärischen Einheiten der Serben mehrmals vergewaltigt wurde und verblutete, während ihre Eltern daran gehindert wurden, ihr zu helfen.

Konnten Western und seine Kollegen solche Geschichten zu-erst gar nicht glauben, wurde ihnen bald klar, dass sie nicht nur stimmten, sondern dass die Grausamkeit System hatte. Sie begriffen, dass – obschon die serbischen Soldaten und vor allem die mit «Aufräumarbeiten» betrauten «paramilitärischen» Truppen ihre sadistischen Untaten oft unter Alkoholeinfluss begingen – deren Offiziere den Terror überlegt und systematisch einsetzten. Die Serben kämpften nicht nur, um Territorien zu erobern, sondern alle Spuren ihrer muslimischen oder kroatischen Feinde zu «tilgen» oder, wie die berüchtigte serbische Formulierung lautete, das, was sie als «ihr» Land betrachteten, «ethnisch zu säubern».

Vor der bosnischen Unabhängigkeitserklärung, der Anfang April 1992 die Anerkennung durch die Uno folgte, hatte Karadzic, der selbsternannte Führer der bosnischen Serben, dem bosnischen Staatschef Alija Izetbegovic in einer berühmten Parlamentsrede entgegengeschleudert: «Ich warne euch, ihr werdet Bosnien in die Hölle reissen. Ihr Muslime seid für einen Krieg nicht gerüstet – eure Ausrottung steht kurz bevor.»

Er hatte recht. Als Cyrus Vance, der Uno-Unterhändler, am 2. Januar 1992 den Waffenstillstand in Kroatien zustande brachte, machten sich Tausende serbischer Soldaten in ihren Panzerfahrzeugen auf nach Bosnien. Am 5. Mai wurden alle serbischen Soldaten und Offiziere der JVA, die aus Bosnien stammten, samt ihrer Ausrüstung aus der Hauptstreitkraft herausgelöst und offiziell zu Angehörigen einer «bosnisch-serbischen Armee» von voll ausgebildeten 80 000 Mann. Den Protesten der bosnischen Regierung in Sarajevo zum Trotz bezogen die Serben überall im Land strategische Positionen und bereiteten sich eindeutig auf einen Krieg vor.

Jerko Doko, der damalige bosnische Verteidigungsminister, sagte in Den Haag aus: «Man konnte es daran sehen, wie die Einheiten sich verteilten; die Strassen wurden von der JVA kontrolliert; Artillerieverbände gingen auf den Hügeln um alle wichtigen Städte von Bosnien-Herzegowina in Stellung; sie kollaborierten mit den Extremisten der bosnischen Serbisch-Demokratischen Partei, bewaffneten sie und unterstützten deren Bewaffnung.»

In seinem Buch «Genocide in Bosnia» («Völkermord in Bos- nien») schreibt Norman Cigar, dass lange vor dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens «einflussreiche Figuren in Serbien gezielt das Vorurteil verbreiteten, Muslime seien fremd, minderwertig und eine Bedrohung all dessen, was den Serben teuer sei». Indem man durch solche Propaganda «die ganze muslimische Gemeinschaft isolierte», schreibt Cigar, konnte man dafür sorgen, «dass jede Massnahme, die zur Verfolgung der politischen Ziele Belgrads gegen die Muslime unternommen wurde, als legitim erschien und von der Bevölkerung unterstützt wurde».

Solche «Massnahmen» waren von langer Hand vorbereitet. Ende der achtziger Jahre begann sich eine kleine Gruppe von Offizieren, darunter der damalige Oberst Ratko Mladic, die sich als «militärische Linie» bezeichneten, heimlich mit Angehörigen der serbischen Geheimpolizei zu treffen.

1990 oder vielleicht etwas früher, wann genau, ist umstritten, hatten diese Offiziere den sogenannten RAM-Plan fertig, worin beschrieben wurde, wie die «serbischen Länder» in Kroatien und Bosnien zu erobern wären. Der Plan sollte die Grenzen, also den Rahmen, für die neuen serbisch dominierten Gebiete festlegen. In Den Haag beschrieb ihn Jerko Dorko folgendermassen: «Im wesentlichen ging es darum, ein Grossserbien zu schaffen. Im RAM war Karlovac als westlichster Punkt vorgesehen, was wir später in der Realität bestätigt sahen, als die JVA sich aus Slowenien und teilweise aus Kroatien auf diese Position zurückzog.»

In ihrem Plan beschrieben die Offiziere, wie Artillerie, Muni- tion und weiteres Militärmaterial an strategischen Positionen in Kroatien und dann in Bosnien gelagert und wie örtliche serbische Aktivisten mit Hilfe der Geheimpolizei bewaffnet und ausgebildet werden sollten. Dadurch sollten in den Städten der kroatischen Krajina und überall in Bosnien «Schatten»-Polizeitruppen und paramilitärische Einheiten geschaffen werden. Und bereits im Juli 1990 begann die Armee, dies in die Tat umzusetzen.

Die Führer der bosnisch-serbischen Armee konnten sich auf die Unterstützung durch diese «parallele Machtstruktur» ergebener, oft fanatischer und wohlbewaffneter Männer verlassen, als ihre Truppen den Eroberungsfeldzug gegen Bosnien führten.

Im Frühling und Sommer 1992 wurde Stadt um Stadt von der bosnisch-serbischen Armee, ihren Kommandotrupps und paramilitärischen Einheiten nach immer demselben Muster angegriffen. Es war klar, dass diese Eroberungs- und Säuberungsaktionen präzis und zentral geplant waren.

Laut Vladimir Srebov, einem ehemaligen Führer der Serbisch-Demokratischen Partei, der den RAM-Plan gelesen hat, hatten die Offiziere gigantische «ethnische Säuberungen» vorgesehen mit dem Ziel, «Bosnien wirtschaftlich zu zerstören und die muslimische Bevölkerung vollkommen auszurotten». Wie Srebov spä- ter einem Interviewer erzählte, sah der Plan «eine Aufteilung Bosniens in zwei Interessensphären vor im Hinblick auf ein Gross- serbien und ein Grosskroatien. Für die Muslime war eine «End- lösung» vorgesehen: Mehr als 50 Prozent sollten umgebracht, ein kleinerer Teil zur Orthodoxie bekehrt werden, und einem noch kleineren Teil, Leuten mit Geld, sollte erlaubt werden, sich freizukaufen und nach der Türkei auszureisen. Das Ziel war, Bosnien-Herzegowina vollkommen von der muslimischen Nation zu säubern.»

Als serbische Kanoniere grössere und kleinere Städte in Bos- nien mit Granaten zu beschiessen begannen, wurde das Muster der «Säuberungsaktionen» sofort deutlich. Armee-Einheiten gingen um eine Stadt herum in Stellung und errichteten Strassensperren. An alle serbischen Bewohner erging die Einladung, die Stadt zu verlassen. Dann machten sich die Artilleristen ans Werk und beschossen die Stadt mit schweren und leichten Geschützen. Schossen die Verteidiger zurück, konnte die serbische Beschiessung viele Tage dauern, wodurch die Stadt zerstört wurde und die meisten Bewohner umkamen. Gab es keinen Widerstand, hörten die schweren Geschütze nach ein, zwei Tagen auf. Galt eine Stadt als genügend «weichgeklopft», wurde sie von den paramilitärischen Stosstruppen gestürmt, und der Terror begann.

Wie die Lageraufseher, denen sie wann immer möglich einen Besuch abstatteten, um an Folterungen teilzunehmen, hatten die paramilitärischen Truppen eine einzige Aufgabe: Terror auszu-üben. War eine Stadt vom Artilleriefeuer besiegt worden, kamen die Paramilitärs und «räumten auf».

Oft kamen die paramilitärischen Truppen mit Listen einfluss-reicher Bürger, die umgebracht werden sollten, in eine neu eroberte Stadt; genausooft erschossen, erstachen, verstümmelten oder vergewaltigten sie auch einfach alle Bewohnerinnen und Bewohner, die sie fanden. Diese Killer, von denen viele ehemalige Verbrecher waren, die man aus den Gefängnissen entlassen hatte, damit sie sich an der Front «rehabilitieren und bewähren» konnten, wurden angetrieben von virulentem Nationalismus, blankem Sadismus und Gier. Das Plündern muslimischer Häuser machte viele von ihnen reich.

Manche dieser sadistischen, ausschweifend lebenden Anführer der paramilitärischen Streitkräfte waren farbige Erscheinungen und galten in Serbien als Berühmtheiten. Zeljko Raznatovic zum Beispiel, der Arkan genannt wurde und dessen serbische Freiwilligengarde, die weitaus stärkste und am besten bewaffnete paramilitärische Truppe, überall als Arkans Tiger bekannt war, war ein berühmter Verbrecher: ein berufsmässiger Bankräuber, von dem es hiess, er werde in mehreren europäischen Ländern gesucht und sei in einigen davon aus dem Gefängnis ausgebrochen.

Arkans Tiger und andere paramilitärische Truppen, Vojislav Seseljs Tschetniks, die Weissen Adler und die Gelben Ameisen, deren Name von ihren Fähigkeiten als Plünderer zeugte, waren Kreaturen des serbischen Staats. Milos Vasic, ein Militärexperte, schreibt: «Sie waren alle mit dem Einverständnis von Milosevic’ Geheimpolizei organisiert worden und wurden von deren Offizieren bewaffnet, kommandiert und kontrolliert.»

In ihrem Buch «Rape Warfare» («Vergewaltigungs-Krieg») zitiert Beverly Allens ein Dokument, «eine Variation des RAM-Plans, die von den Spezialeinheiten der Armee inklusive Experten für psychologische Kriegführung verfasst wurde», worin für die Taktik der ethnischen Säuberungen eine soziologische Grundlage geliefert wird, ob der einen das kalte Grauen packt:

«Unsere Analyse des Verhaltens der muslimischen Gemein-schaften zeigt, dass Moral, Wille und Kampfgeist ihrer Gruppen sich nur dadurch untergraben lassen, dass wir mit unseren Aktionen auf den Punkt zielen, wo die religiöse und die soziale Struktur am verletzbarsten ist. Die Rede ist von den Frauen, vor allem heranwachsenden, und von den Kindern. Entschlossene Ein- griffe aufgrund dieser gesellschaftlichen Befunde würden für Verwirrung sorgen und zunächst Angst und dann Panik verbrei- ten, was höchstwahrscheinlich später einen Rückzug aus den von kriegerischen Handlungen äusserst schwer betroffenen Gebieten zur Folge hätte.»

Aus diesem Grund bezeichnet Vasic die paramilitärischen Streitkräfte als «psychologische Waffe für «ethnische Säuberungen»». Die Männer wussten, dass sie brutal und in ihren Grausamkeiten erfindungsreich genug sein mussten, damit Geschichten über ihre Terrorakte sich so schnell verbreiteten, dass, wie Vasic sagt, im nächsten Dorf «niemand ihr Kommen abwar- tete». Er schätzt, dass die Paramilitärischen im Durchschnitt «zu 80 Prozent aus gewöhnlichen Verbrechern und zu 20 Prozent aus fanatischen Nationalisten» bestanden.

José Maria Mendiluce, ein Beamter des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNCHR), kam am 9. April zufällig durch Zvornik und sah, wie die Paramilitärischen «aufräumten»: «Soldaten schmissen tote Frauen, Kinder und Greise auf Lastwagen. Ich sah vier oder fünf Lastwagen voller Leichen. In einer Kurve geriet mein Jeep ob des Bluts ins Schleudern.»

Uno-Untersuchungsbeamte sagen, der serbische Nationalist Seselj habe seine Tschetniks in einem Hotel von Zvornik zusammengerufen und ihnen eine Liste muslimischer Stadtbewohner vorgelesen, die umgebracht werden sollten. «Milosevic hatte alles unter Kontrolle», sagte Seselj später bei einem Interview, «und die Operation war von Belgrad aus geplant.»

Manchmal erfolgten die Säuberungen über eine längere Zeit. Anfang 1992 brachten Mitglieder einer paramilitärischen Gruppe den Fernsehsender von Prijedor unter ihre Kontrolle und sorgten so dafür, dass in der Stadt nur Sendungen aus Belgrad empfangen werden konnten. Bald trafen Truppen der jugoslawischen Volksarmee in der Gegend von Prijedor ein. Die JVA-Offiziere verlangten von den Stadtvätern, dass sie ihren Truppen um die Stadt herum an Orten Stellungen zu beziehen erlaubten, von wo aus sie alle Ein- und Ausfallstrassen des Bezirks kontrollieren konnten.

«Das war ein Ultimatum. Die rechtmässigen Behörden wurden zur Besichtigung zweier kroatischer Dörfer eingeladen, die zerstört worden und seither nicht mehr bewohnt waren. Die Botschaft war: Würde auf das Ultimatum nicht eingegangen, so drohte Prijedor das gleiche Schicksal. Das Ultimatum wurde akzeptiert.»

Dadurch, dass bosnisch-serbische Truppen alle Strassen bewachten, wurde Prijedor isoliert. Die Serben stellten jeglichen Busbetrieb ein. Sie verlangten selbst von Leuten, die das nächste Dorf besuchen wollten, einen Passierschein. Sie verfügten eine Ausgangssperre. Oft funktionierten die Telefone nicht mehr.

Am 30. April brachten die Serben von Prijedor die Stadt mit einem raschen, gutgeplanten Staatsstreich unter Kontrolle. Uno-Untersuchungsberichten zufolge hatten die Serben die Macht-übernahme mindestens sechs Monate lang geplant, sich mit heimlich von der JVA gelieferten Waffen ausgerüstet und eigene geheime «Parallelbehörden» aufgebaut, inklusive einer Schattenpolizei mit einem eigenen Geheimdienst.

Nicht-Serben verloren ihre Stellen. Polizisten und Beamte wurden als erste entlassen. Die von den Serben seit langem vorbereiteten Schattenbehörden übernahmen die leeren Büros.

Serbische Polizisten patrouillierten nun auf den Strassen, und Nicht-Serben mussten zu gewissen Zeiten eine weisse Armbinde tragen. Am 30. Mai 1992 kam es in Prijedor zu einem verzweifelten Aufstand der Muslime und Kroaten, die noch in der Stadt geblieben waren. Die Rache der siegreichen Serben war furchtbar. Laut dem Uno-Bericht wurden Hunderte, wenn nicht Tausende von Nicht-Serben getötet, oft nach grausamen Misshandlungen. Die überlebenden Kinder und Frauen wurden vertrieben, die Männer kamen in die Lager nach Omarska und Keraterm.

In Washington wurde beobachtet und registriert. Ende Juni, einen Monat nach der serbischen Machtübernahme in Prijedor, lag auf dem Pult von Aussenminister James Baker ein erster Bericht über die serbischen Todeslager. «Ende Juni hatten wir genügend Informationen über die Lager», sagte Jon Western, der damals im Aussenministerium die Menschenrechtssituation in Bosnien analysierte: «Wir schickten die Berichte unseren Vorgesetzten, aber es passierte nichts. Wir erhielten nicht einmal eine Antwort. Erst als sich die Presse einschaltete, regte sich etwas.» Als zwei Monate später Präsident Bush die Inspektion der Lager verlangte, wurden sie geschlossen. Hätte Bush früher reagiert, wären heute einige Gefangene noch am Leben.

Kurz vor den Präsidentschaftswahlen im November 1992 kam Generalstabschef Colin Powell seinem Präsidenten, dessen passive Bosnienpolitik unter Beschuss geraten war, noch einmal zu Hilfe. Ein militärisches Engagement könne sehr schnell zur Eskalation führen, warnte Powell und drohte mit dem Gespenst von Vietnam. Doch als sich gegen Ende 1992 in Somalia die Gelegenheit bot, mit einem billigen Truppeneinsatz von Bosnien abzulenken, zögerte Powell nicht lange. Unter der Bedingung allerdings, sagte er, «dass wir in Bosnien nicht das gleiche versuchen». ·

Vorderseite Gefangener im serbisch-bosnischen Lager von Manjaca, fotografiert am 9. August 1992.

Rechts Im Lager Manjaca waren vom Mai bis August 1992 3500 Menschen eingesperrt.

Rechts Junge in Zentralbosnien, Sommer 1993.

Links Radovan Karadzic, Führer der bosnischen Serben, Politstar an der Londoner Jugoslawienkonferenz, die nach der Aufdeckung der Lager einberufen wurde.

Rechts Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, Chef der Tiger, einer wegen ihrer Grausamkeit berüchtigten serbischen Freiwilligentruppe.

Oben Die 400 Teilnehmer an der Londoner Konferenz kamen überein, den Jugoslawienkonflikt zu beenden.

Unten Ein Opfer des Massakers von Ahmici in Zentralbosnien wird abtransportiert. Ahmici wurde 1993 von Kroaten angegriffen (links). Anstehen für Wasser in Sarajevo, Sommer 1993.

Slobodan Milosevic an der Londoner Konferenz, August 1992. Ende des Jahres 1992 stand Milosevic auf der amerikanischen Liste der Kriegsverbrecher. Links von ihm der jugoslawische Aussenminister


3 Clintons Rhetorik

Während die Europäer mit den Serben verhandelten, war in Washington ein Präsident an die Macht gekommen, der den Bosniern verhiess: «Ethnische Säuberungen» werden nicht toleriert.

Im Sommer 1992 tingelte der demokratische Präsidentschaftskandidat Bill Clinton durchs Land und warf Präsident Bush vor, er setze dem Grauen in Bosnien kein Ende: «Ich würde den Serben als erstes die Luftwaffe vorbeischicken.»

Doch die Bush-Leute verteidigten ihre Tatenlosigkeit mit harschen Worten: «Ich habe es schon 38 000mal gesagt», verkündete der stellvertretende Aussenminister Lawrence Eagleburger, «diese Tragödie lässt sich nicht von aussen beenden, und es wäre verdammt noch mal Zeit, dass das alle kapieren. Solange die Bosnier, Serben und Kroaten nicht aufhören, einander gegenseitig umzubringen, kann die Aussenwelt überhaupt nichts tun.»

Während Präsident Bush und seine Spitzenleute es vorzogen, sich vom Konflikt fernzuhalten und, wie ein jüngerer Berater es formulierte, abzuwarten, «bis er ausgebrannt» war, hatte die Öffentlichkeit, die sporadisch von blutigen Bildern empört worden war, die Regierungsleute immer mal wieder gezwungen, etwas zu unternehmen. Dadurch war ein Gewirr von einander widersprechen- den politischen Haltungen entstanden. Ihren ersten Höhepunkt erreichten sie, als die Serben im Mai 1992 eine Granate in eine Gruppe von Menschen in Sarajevo schossen, die für Brot anstand. Der Abscheu der Amerikaner angesichts dieser Toten und Verwunde- ten zwang Präsident Bush dazu, wirtschaftliche Sanktionen gegen Serbien zu unterstützen.

Im September 1991, als noch der Krieg in Kroatien tobte, hatte Bush ein Uno-Waffenembargo für Ex-Jugoslawien befürwortet. Damit verhalf er den Serben zu einem ungeheuren Vorteil, da die Jugoslawische Volksarmee (JVA) über Unmengen von Panzern, Geschützen und Kampfflugzeugen verfügte und eine hochentwickelte Rüstungsindustrie kontrollierte. Nachdem die Europäer und Amerikaner im April 1992 Bosnien anerkannt hatten, forderten sie, dass das Embargo auch für den neuen Staat gelte.

Als Präsidentschaftskandidat Clinton damit begann, diese Politik anzuprangern, hatten sich schon viele von Bushs Regierungs- beamten mittleren und niedrigen Rangs gegen sie gewandt. «Er hat unsere Argumente geklaut», sagte John Fox, der unter Bush im politischen Planungsbüro des Aussenministeriums arbeitete.

Wahlkampfhelfer von Clinton machten deutlich, dass ihre Sympathien den bosnischen Muslimen galten, und der designierte Vizepräsident Al Gore sowie andere voraussichtliche Regierungsvertreter nahmen Gespräche mit bosnischen Politikern auf. Es sah eindeutig so aus, als ob Präsident Clinton, die grosse Macht der USA einsetzen wollte, um auf dem Balkan für Gerechtigkeit zu sorgen.

«Gerechtigkeit» war das entscheidende Wort, denn seit langem war klar, dass in Bosnien, dessen Territorium zu drei Vierteln in die Hände der bosnischen Serben gefallen war, «Gerechtigkeit» im diametralen Gegensatz zu einem anderen entscheidenden Wort stand, nämlich «Frieden».

Der Bankier und Schriftsteller Jean E. Manas formulierte das Problem unumwunden so: «Obschon viele, die von aussen eingriffen, in Ex-Jugoslawien Frieden und Gerechtigkeit erreichen wollten, blickten sie selten der Tatsache ins Auge, dass, sieht man genauer hin, zwischen diesen beiden Idealen eine grundsätzliche Spannung besteht. Das Streben nach Gerechtigkeit hat eine Verlängerung der Feindseligkeiten zur Folge, wohingegen das Streben nach Frieden bedingt, sich mit manchen Ungerechtigkeiten abzufinden.»

Um in Bosnien wieder gerechte Verhältnisse zu schaffen, das hiess, muslimisches Land und muslimische Häuser ihren rechtmässigen Besitzern zurückzuerstatten, so dass die «ethnischen Säuberungen» nicht bestehen blieben, hätte Bill Clinton gewillt sein müssen, zumindest einige amerikanische Truppen loszuschicken. Dies wiederum hätte erfordert, dass er sein ganzes politisches Geschick darauf verwendet hätte, die Amerikaner in dieser Sache auf seine Seite zu bekommen.

Dazu fehlte ihm der Mut; schliesslich war das nicht sein Krieg.

Der erste Versuch, «Frieden» zu stiften, statt für «Gerechtigkeit» zu sorgen, wurde der neuen amerikanischen Regierung in Form des Vance-Owen-Plans vorgelegt. Dieser komplizierte und ingeniöse Vorschlag wollte Bosnien in zehn ethnisch kontrollierte «Kantone» aufteilen; je drei für die Serben, die Kroaten und die Muslime und Sarajevo als gemeinsame Hauptstadt. Clintons Regierungsvertreter lehnten den Plan nicht direkt ab, doch sie sprachen von ihm mit einer gewissen Verachtung, die keinen Zweifel daran liess, dass sie glaubten, etwas Besseres austüfteln zu können.

Dies war das erste dramatische Anzeichen für das, was James Gow in seiner ausgezeichneten Studie «The Triumph of the Lack of Will» («Triumph des fehlenden Willens») als Tendenz der Clinton-Administration bezeichnet, nämlich: In Sachen Bosnien «Prinzipien zu verkünden, aber in der Praxis dann Ausflüchte zu machen und der Politik und den Plänen anderer den Wind aus den Segeln zu nehmen».

Clinton war mittlerweile mit anderem beschäftigt, als mit Wahlkampfversprechen. Während seine Administration von Krise zu Krise schlingerte, wurde klar, dass Bosnien für den Präsidenten das kleinste Problem war.

Srebrenica, eine alte Minenstadt an der serbischen Grenze, war seit jeher eine der wohlhabendsten Städte in Ostbosnien gewesen. Im Februar 1993 überquoll die Stadt von muslimischen Vertriebenen. Ein junger Polizist namens Nasr Oric hatte die Aufgabe übernommen, die Verteidigung Srebrenicas zu organisieren. Oric hatte aus zerlumpten Flüchtlingen eine schlagkräftige Armee aufgebaut und führte gegen die serbischen Kleinstädte im Umland einen erbarmungslos grausamen Kleinkrieg. Doch bis im Frühjahr 1993 hatte sich der Würgegriff des waffenmässig überlegenen serbischen General Mladic um Srebrenica gelegt.

Wenige Wochen vor der serbischen Offensive in Ostbosnien hatte Bill Clinton in seiner Antrittsrede erklärt, er würde zur Waffen- gewalt greifen, «falls der Wille und das Gewissen der internationalen Gemeinschaft missachtet werden». Diese Missachtung wurde ihm nun täglich vorgeführt, besonders nachdem Tony Birtley, ein Reporter der Fernsehkette ABC, sich an Bord eines bosnischen Helikopters mit einer kleinen Videokamera in die Stadt Srebrenica hineingeschmuggelt hatte. Birtleys Reportagen zeigten die mittelalterlichen Verhältnisse in der Stadt: in Lumpen gekleidete, auf den Strassen lebende Menschen, Abwasser trinkende Kinder.

Srebrenica konfrontierte Clinton ganz direkt mit dem Widerspruch zwischen seiner idealistischen probosnischen Rhetorik und seinem pragmatischen Widerwillen dagegen, sich als frischgewählter Präsident auf einen komplizierten Krieg einzulassen. Schliesslich zwangen ihn die Bosnier zu handeln: Am 12. Februar 1993 verkündeten Regierungsvertreter in Sarajevo, die Hauptstadt nehme keine weiteren Hilfsgüter mehr an, solange Srebrenica durch die Serben von allen Hilfsgütern abgeschnitten sei. Die Absicht dieser scheinbar perversen Entscheidung war, die westlichen Nationen und den noch unerprobten Clinton, von dem sich die Bosnier eine Intervention so sehr erhofft hatten, endlich zu drastischen Mass- nahmen gegen die Serben zu zwingen.

Die Entscheidung der Bosnier war nichts weiter als ein letzter Versuch, das einzige ihnen zur Verfügung stehende Druckmittel anzuwenden: ihr Leiden. Die westlichen Länder hatten im Juni 1992 damit begonnen, Nahrungsmittel an Bosnien zu liefern, um den politischen Druck in ihren jeweiligen Heimatstaaten zu reduzieren. Längst forderte die dortige Öffentlichkeit, den Schlächtereien auf dem Balkan ein Ende zu machen – mit anderen Worten: dass sie militärisch gegen die Serben vorgingen. Indem die Bosnier jetzt die Welt darauf aufmerksam machten, dass diese Nahrungsmittel nicht durchkamen und somit «ethnische Säuberungen durch den Hungertod» stattfanden, hofften sie, die westlichen Länder zu härterem Durchgreifen zu bewegen, wenn möglich mit militärischen Mitteln.

Die Nahrungsmitteltransporte komplizierten die Verhältnisse auch auf anderer Ebene. Laut einem Uno-Vertreter führten die Bosnier ihre militärischen Offensiven gegen die Serben jeweils dann, wenn Hilfsgütertransporte tatsächlich durchgekommen waren. Die Muslime von Srebrenica zum Beispiel hätten ihre Offensive gegen die serbisch dominierte Kleinstadt Bratunac im November 1992 geführt, zwei Wochen nach der ersten erfolgreichen Hilfsgüterlieferung nach Srebrenica. «Dadurch geriet die Uno gegenüber den Serben unter Druck. Es entstand der Eindruck, die Uno unterstütze die die Bosnier. Was dazu führte, dass die Serben weitere Nahrungsmitteltransporte verunmöglichten. Wodurch der Druck auf die USA und andere Nationen, entschiedener einzugreifen, nochmals zunahm», sagte der Uno-Mann.

Die Bosnier versuchten mit dem Elend der eingekesselten muslimischen Städte ein Eingreifen der Uno und der westlichen Länder zu erzwingen. Dieses Vorgehen empfanden Offiziere und Soldaten der Uno-Schutztruppen (Unprofor) als machiavellistisch oder gar verwerflich. Dabei versuchten die Bosnier lediglich, die einzige Waffe zu benutzen, die ihnen angesichts des sonderbaren, heuchlerischen internationalen Engagements für ihr Land geblieben war.

Die Uno-Mission in Bosnien hatte letztlich etwas von Grund auf Widersprüchliches an sich; egal, wieviel Heroisches ihre Helfer leisteten: «Die Crux war», schreibt Wayne Bert in «The Reluctant Superpower» («Die Weltmacht wider Willen»), «dass die Uno in erster Linie für Frieden sorgen wollte, wodurch die Frage der Gerechtigkeit sekundär wurde.»

Was genau versuchten damals die Uno und die westlichen Länder denn zu erreichen? ·

In seinem Buch «Slaughterhouse» («Schlachthaus») bemerkt David Rieff, dass das Erfolgskriterium weder moralischer noch politischer Natur war: «Obschon die bosnische Regierung die eines international anerkannten Staates war und die bosnisch-serbische «Republik» das Ergebnis einer unrechtmässigen Rebellion, hatte die Uno das Gefühl, beide Seiten gleich behandeln zu müssen: Nämlich als «die kriegführenden Parteien». Die Uno wollte nichts weiter, als die Hilfsgüter durchbringen und einen Frieden erleichtern. Die Bedingungen für einen Frieden waren vom Standpunkt der Unprofor aus fast schon egal. Es musste kein gerechter Friede sein, ja nicht einmal ein Friede, der sich wahren liess. Die Uno wollte nur eines: dass «die Parteien» sich darauf einigten.»

Wenn «Frieden» das einzige Ziel ist, und die Bedingungen dafür «fast schon egal» sind, dann sind wir von «Gerechtigkeit» so weit entfernt wie nur möglich. Das Ziel war natürlich, die Kapitulation der Muslime zu erzwingen und ein Abkommen im Sinne der Serben hinzunehmen. Denn was anderes wäre ein Abkommen, das «ausgehandelt» wurde, während die Serben mehr als 70 Prozent des bosnischen Territoriums besetzt hielten? «Das mochte kein ideales Ergebnis sein», schreibt Rieff, «aber wenigstens würden keine weiteren Menschen umgebracht.» Das also war das Ziel der Uno und der hinter ihr stehenden Briten und Franzosen.

Doch nun hatte ein neuer starker Spieler das Feld betreten. Dass die Bosnier sich von Präsident Clinton viel erhofften, dass sie sich von seiner Redekunst ermutigt fühlten, auch wenn die nichts als leere Worte bot, hatte gravierende Folgen. Warum sollten die Bosnier die im Vance-Owen-Plan festgehaltene ethnische Aufteilung hinnehmen, wenn der führende Mann der freien Welt erklärte, «die ethnischen Säuberungen sind unhaltbar»? Im Dezember 1992, noch bevor die neue US-Regierung im Amt war, warnte Lord Owen in Sarajevo die Bosnier: «Hört auf zu träumen. Hört auf zu glauben, dass der Westen kommen und das Problem für euch lösen wird.»

Uno-Vertreter konnten noch deutlicher werden. Als im Frühling 1994 die USA eine neue Botschaft in Sarajevo eröffneten, sagte Yasushi Akashi, der japanische Sonderbotschafter des Uno-General- sekretärs, solche politische Gesten verleiteten die muslimische Regierung zum Weiterkämpfen. «Sie können darauf zeigen und sagen: «Seht, die Amerikaner sind auf unserer Seite.» Wir können nur hoffen, dass, nachdem die Nato ihnen nicht geholfen hat, sie begriffen haben, dass die amerikanische Kavallerie nicht im nächsten Augenblick um die Ecke biegen wird.»

Dadurch, dass Clinton statt sinnvoller Taten grosse Reden brachte, war die Bosnienpolitik seiner Administration nicht nur verlogener, sondern in vieler Hinsicht sogar schädlicher als die seines Vorgängers George Bush. Bush hatte die Gelegenheit gehabt, den Krieg zu verhindern oder zumindest einzudämmen, als dies noch mit minimem Aufwand möglich gewesen wäre; und obschon er visionär zu sein behauptete, war er zu kurzsichtig und ängstlich gewesen, um diese Chance zu ergreifen. Aber zumindest hatte Bush den Bosniern nie die amerikanische Kavallerie versprochen. Clinton dagegen hatte gelobt, dass Amerika helfen werde; doch er hatte nur Worte zu bieten, und diese Worte enttäuschten nicht nur: Sie gaben zu Hoffnungen Anlass, die die Bosnier mit Blut bezahlten.

Mitte Februar 1993 hatte die serbisch-bosnische Offensive von General Ratko Mladic dazu geführt, dass die isolierten östlichen Städte Srebrenica und Cerska mit Flüchtlingen vollgestopft waren; und jene abgezehrten Menschen, die nicht in Mladic’ Granatenhagel starben, waren am Verhungern.

Ende Februar reagierte Clinton endlich mit einem neuen Vorschlag. Amerikanische Hercules-Transportflugzeuge würden Nahrungsmittel und Medikamente über Bosnien abwerfen. Die Flüge würden unter dem humanitären Mandat der Uno ausgeführt, «als Ersatz», wie Buchautor James Gow unverhohlen kommentiert, «für ein stärkeres militärisches Engagement der USA».

Am 28. Februar hoben vier C-130-Hercules-Transportflugzeuge schwerfällig von der Startbahn eines Militärflughafens bei Frankfurt ab und wandten ihre Nasen in Richtung Süden. Wenig später, 3000 Meter über Cerska, rund 20 Kilometer nordwestlich von Srebrenica, schoben amerikanische Fliegersoldaten schwerbeladene Paletten durch die Luke und blickten den weissen Fallschirmen nach, die flatternd zwischen den schneebedeckten Bergen verschwanden. Die Amerikaner führten die Aktion perfekt aus, die Paletten plumpsten zielgenau in den Schnee. Ihre gute Arbeit blieb allerdings bedeutungslos: Denn als die Nahrungsmittel und Medikamente durch die kahlen Äste krachten, hatten die Serben Cerska bereits gestürmt und waren damit beschäftigt, verwundete Muslime umzubringen, die Häuser zu plündern und zu verbrennen. Alle Muslime, die nicht tot im Schnee lagen, waren längst geflohen.

Aus Srebrenica und anderen Städten und Dörfern berichteten Funkamateure, welche die einzige Verbindung der östlichen Enklaven zur Aussenwelt waren, von Massenmorden, von serbischen Soldaten, die Frauen und Kindern die Kehlen durchschnitten. Sadako Ogata, die Uno-Hochkommissarin für Flüchtlinge, schickte eine Zusammenfassung dieser Berichte an Uno-Generalsekretär Boutros Ghali. «Selbst wenn nur zehn Prozent dieser Informationen stimmen», schrieb Ogata, «sind wir Zeugen von Massakern, ohne etwas dagegen tun zu können». Und sie machte einen überraschenden Vorschlag: Die Uno sollte die Muslime aus Srebrenica evakuieren. Früher war die Uno immer gegen solche Evakuierungen gewesen. Ogatas Vorschlag würde die Uno in die Lage bringen, die Serben bei der «ethnischen Säuberung» des Gebiets zu unterstützen.

Aufgrund derselben Greuelberichte verlangten in New York Mitglieder des Uno-Sicherheitsrates, in Ostbosnien müsse «die Präsenz der Unprofor sofort verstärkt werden». Um diese Berichte zu überprüfen, reiste General Philippe Morillon, der weisshaarige charismatische französische Befehlshaber der Uno-Truppen in Bosnien, am 5. März in die verdächtige Region. Als er wieder in seinen Helikopter stieg, gab er den Reportern dramatisch zu Protokoll: «Als Soldat habe ich leider die Fähigkeit, den Tod zu riechen. Ich habe ihn nicht gerochen.»

Stunden später konnten sich die Reporter auf etwas Glaubwürdigeres als General Morillons Nase berufen. Simon Mardel, ein für die Weltgesundheitsorganisation tätiger Arzt, hatte sich von Morillons Gruppe getrennt und zu Fuss nach Srebrenica durchgeschlagen. Über Amateurfunk berichtete er, jeden Tag stürben zwanzig bis dreissig Flüchtlinge an Lungenentzündung und anderen Krankheiten. Seit Monaten operierten muslimische Ärzte ohne Anästhesie. Flüchtlinge schliefen im Schneematsch der Strassen von Srebrenica und ernährten sich von Wurzeln und Gras. Was die abgeworfenen Vorräte betreffe, hätten sich die Stärksten eingedeckt; das waren Offiziere, Soldaten, Angehörige der Arbeitsbrigaden, welche die Schützengräben aushoben. Die Schwächsten: Kranke, Verwundete, obdachlose Flüchtlinge bekämen nichts.

In seinem Buch «Blood and Vengeance» («Blut und Rache») schreibt Chuck Sudetic: «Auf den Berghängen über Srebrenica flackerten jede Nacht die Flammen einer Unmenge von Fackeln, während verzweifelte Menschen durch die Wälder zu den Abwurfstellen strömten. Nur wenige der neu eingetroffenen Flüchtlinge, viele davon Witwen mit Kindern, hatten Kraft genug, um so weit zu gehen und um das Essen zu kämpfen. Um an Mehl heranzukommen, brachten Männer einander in den Wäldern um. Fallende Paletten, gross wie Kühlschränke, krachten in den Schnee und hatten schon Menschen erschlagen, die in der Landezone gewartet hatten, um ihre Chancen zu verbessern. Die Amerikaner reagierten auf das Chaos, indem sie Zehntausende einzeln in braunes Plastik verpackter Mahlzeiten abwarfen, die wie vakuumisiertes Manna vom Himmel auf die Erde fielen.»

Während Clinton und seine uneinigen Berater Sitzung um Sitzung zerredeten, arbeiteten Angestellte von Warren Christophers Aussenministerium an ihrer «revidierten Fassung» der Bosnienpolitik, und in der Presse munkelte man von einem neuen, mutigeren Plan nach dem Motto «Lift and Strike», Aufheben und Zuschlagen. Laut diesem sollte die Uno das Waffenembargo gegen die Bosnier aufheben, und die Nato sollte mit ihren Kampfflugzeugen einen Schlag gegen die Serben führen, damit die Bosnier Zeit hätten, den Umgang mit ihren neu erworbenen Waffen zu erlernen, um «sich selbst zu verteidigen». Der Plan hatte viele Vorzüge, deren auffälligster allerdings eher den Zweck hatte, das amerikanische Stimmvolk zu besänftigen, als die militärische Situation in Bosnien zu verändern. Mittlerweile war die Aufhebung des Waffenembargos eine beliebte Idee, insbesondere im republikanisch dominierten Kongress.

Wenn «Lift and Strike» innenpolitische Vorzüge hatte, so war der Wert seiner praktischen Umsetzung zweifelhaft. Der Plan beruhte nämlich auf logistischer und geographischer Ignoranz. Auf die Frage, wie die Waffen nach Sarajevo oder Tuzla gelangen sollten, hiess es vage, dass eine ausländische Macht diese hinbringen müsste. Wollte man einen Landkorridor vom Adriahafen Split nach Sara- jevo öffnen, errechneten Offiziere und Pentagonmitarbeiter, wären dazu mehr als 100 000 Mann nötig. Damit verpuffte allerdings der Hauptreiz des «Lift and Strike»-Plans: dass man ihn als Interven- tion zugunsten der Bosnier bezeichnen konnte, ohne tatsächlich intervenieren zu müssen.

Vor die Wahl gestellt, «Lift and Strike» zu unterstützen oder nicht, lehnten die Europäer ab. Sie sahen sich mit echten Problemen konfrontiert. Sie befürchteten, die Einfuhr neuer Waffen würde den Krieg anheizen, was natürlich Teil des Plans war; sie befürchteten zudem, jetzt, da man einem «Frieden» – zugunsten der Serben, ja, aber so war das Leben nun mal – so nahe gerückt war, würde die Bewaffnung der Bosnier den Krieg in die entgegengesetzte Richtung katapultieren. Zu guter Letzt jedoch lief es darauf hinaus, dass britische, französische und spanische Truppen vor Ort waren, die Amerikaner aber nicht; und wenn die Amerikaner nicht wirklich darauf bestanden, das heisst mit einer Auflösung des Nato-Paktes drohten, dann konnten die Europäer deren Vorschlag nicht ernst nehmen.

So gelang Clinton die perfekte Politik: eine Politik der Rhetorik, die nur aus Worten bestand. Sie brachte moralischen Kredit, und sie war risikolos. Bald schon würde Clintons Rhetorik aber übertrumpft werden von jenem ausgesprochen unabhängigen Franzosen algerischer Abstammung, der sich gern auf seine Nase verliess und der kraft seiner Persönlichkeit den Bosniern das Meisterstück rhetorischer Politik des ganzen Kriegs zumuten würde.

Am 10. März war General Philippe Morillon aus Sarajevo aufgebrochen mit dem Ziel, Srebrenica Hilfe zu bringen. Die Serben liessen seinen Lastwagenkonvoi nicht durch, einzig Morillon durfte in die Stadt. Dort angekommen, behandelte ihn der muslimische Kommandanten Nasr Oric als lebendes Pfand: Solange Morillon in Srebrenica war, konnten die Serben nicht angreifen. General Morillon versuchte zuerst, die Stadt heimlich zu verlassen, doch dann änderte er seine Meinung und stellte sich den Muslimen als lebenden Schutzschild zur Verfügung. Sein neues Ziel war es, aus der Enklave eine Schutzzone der Uno zu machen. Verwundete und Flüchtlinge hätten die Möglichkeit, die Stadt zu verlassen, um sich auf der muslimischen Seite in Sicherheit zu bringen.

Am 26. März 1993 traf sich General Morillon in Belgrad mit Präsident Milosevic und General Mladic und erreichte einen Waffenstillstand zusammen mit dem Versprechen des serbischen Generals, Nahrungsmittelkonvois nach Srebrenica hineinzulassen und – erstmals – jene zu evakuieren, die wegwollten.

Beim Eintreffen der weissen Lastwagen kam es zu einem Tumult, als die verzweifelten Flüchtlinge sich zu den Wagen durchzukämpfen versuchten. Im ersten Konvoi quetschten sich 2400 Leute in Wagen, die Platz für 700 boten. Jüngere Frauen kämpften gegen ältere; im verzweifelten Versuch, das Leben ihrer Kleinkinder zu retten, warfen manche Frauen sie irgendwelchen Menschen zu, die schon auf den Lastwagen standen und bereit waren, sie mitzunehmen. Am Bestimmungsort in Tuzla stellten Ärzte fest, dass die Lastwagen mit Blut und Erbrochenem beschmiert waren, und wenn die Flüchtlinge herausgeströmt waren, blieben immer ein paar Leichen zurück, meist die von Kindern.

Selbstverständlich war allen klar, dass die Uno den Serben Arbeit abnahm. Überschwenglich feuerte General Mladic die Uno-Leute an, es müssten täglich 300 Lastwagen in die Stadt geschickt werden, um sie schneller zu entvölkern. «Doch dann», schreiben Honig und Both in ihrem Buch «Srebrenica: Record of a War Crime» («Srebrenica: Chronik eines Kriegsverbrechens»), «wurde die bosnische Regierung unruhig und stellte sich gegen weitere Evakuierungen. Sie wollte, dass Srebrenica zu einem von der Uno geschützten Zufluchtsort erklärt werde. Sollten die Evakuierungen mit dieser Geschwindigkeit weitergehen, bliebe bald keine nennenswerte Zivilbevölkerung übrig. Doch ohne Zivilisten, deren Leben direkt bedroht war, würde der Druck auf die Uno, Friedenstruppen nach Srebrenica zu schicken, nachlassen.»

Ebenfalls am 26. März hielten muslimische Soldaten in Tuzla einen Konvoi voller muslimischer Flüchtlinge an und drohten, die Verzweifelten nach Srebrenica zurückzuschicken. «Der Konvoi darf nicht nach Tuzla hinein», sagte ein muslimischer Offizier. «Wir sind bereit, diese Leute zu opfern.» Obschon diese Menschen schliesslich doch in die Stadt gelassen wurden, hatten sich die Positionen der Serben und der Muslime nun in ihr Gegenteil verkehrt. Die Serben, die jeden Zugang zu Srebrenica versperrt hatten, erlaubten der Uno jetzt, so viele Menschen zu evakuieren, wie sie konnte. Die Bosnier wiederum, die verlangt hatten, dass den Nahrungsmittelkonvois der Weg freigemacht werde, blockierten nun alle Versuche, ihr Volk aus Srebrenica zu evakuieren.

Schliesslich wurden am 16. April Srebrenica und fünf weitere Enklaven offiziell zu Uno-Schutzzonen erklärt und etwa 300 kanadische Soldaten nach Srebrenica geschickt, um die Demilitarisierung zu überwachen. Französische Experten hatten zwar das Truppenkontingent, das zur Erfüllung dieser Aufgabe nötig gewesen wäre, auf 40 000 Mann veranschlagt, aber keine der westlichen Mächte war bereit, Soldaten zu stellen.

Was genau waren denn diese «Schutzzonen», die diese Handvoll Männer «bewachen» sollte? Ein Uno-Offizier antwortete: «Gewalt, Schwarzmarkthandel, Prostitution und Diebstahl drohen zu den einzigen Aktivitäten der Bevölkerung zu werden. Die Spannung zwischen der Mehrheit der Flüchtlinge und der Minderheit der ursprünglichen Bevölkerung wächst. Wie üblich sind Frauen, Kinder und alte Leute am meisten gefährdet. Die Enklave muss als das erkannt werden, was sie ist: ein geschlossenes Flüchtlingslager mit 50 000 Menschen, das nicht mehr als 15 000 adäquate Unterkünfte bieten kann.»

Die «Schutzzonen» waren nicht viel mehr wert als Wörter auf einem offiziellen Wisch. Und General Morillon, ihr «Erfinder» und Garant, wurde wegen seiner eigenmächtigen Handlungsweise, nach Frankreich zurückgerufen. ·

Vorderseite: In Mostar, Sommer 1993, auf der muslimischen Seite. Vom anderen Ufer des Flusses schiessen die Kroaten.

Oben Auf der muslimischen Seite von Mostar, November 1993. Zuvor hatten sich die Konfliktparteien geeinigt, Hilfslieferungen durchzulassen.

Unten Holzsammeln in Sarajevo, Sommer 1993 (rechts). Ein Toter im Altersheim von Petrinja, einer umkämpften Kleinstadt in der Nähe von Karlovac, Kroatien, September 1991 (Foto Zoran Filipovic).

Oben Die Friedensvermittler David Owen (links) und Cyrus Vance vor der Uno in New York, 3. Februar 1993. Am Vortag hatte sich Präsident Clinton kritisch zu ihrem Friedensplan geäussert.

Unten Waisenkinder in Tuzla, Frühling 1997.

Links Ein Uno-Konvoi in Bosnien, Frühling 1993. Auftrag: Die freie Durchfahrt von Hilfsgütern zu erzwingen.

Rechts Kanadischer Uno-Soldat in Srebrenica am 25. April 1993. Srebrenica wurde neun Tage zuvor zur Schutzzone ernannt. Die Zerstörungen rühren von einem serbischen Angriff.

Der französische Uno-Kommandant Philippe Morillon, Urheber der Schutzzonenidee, mit Nasr Oric, dem muslimischen Militärchef der Schutzzone Srebrenica am 5. Mai 1993.


4 Gut gelogen

Im Februar 1994 tötete eine Granate 68 Menschen auf dem Marktplatz von Sarajevo. Woher kam die Granate? Die Gerüchte, Muslime hätten sie abgefeuert, sind nie verstummt.

Am 5. Februar, einem sonnigen und unwinterlich warmen Sams- tagnachmittag in Sarajevo, fuhr ein 120-mm-Mörsergeschoss durch das leichte Blechdach des Markela-Marktes. Zwei Kilogramm Explosivstoff zerdonnerten; glühendes Schrapnell und rissige Metallstücke schraubten sich durch die Menschenmenge; in einem ein- zigen Augenblick war eine dichte Ansammlung schwatzender, streitender, lachender Menschen zerrissen worden.

Als wir zu dem kleinen Platz kamen, fanden wir nicht infernalen Rauch und Dunkelheit vor, sondern das gestochen scharfe Bild zerstreuter dunkler Haufen. Dazwischen bahnte sich eine klebrige Flüssigkeit ihren Weg durch verkohltes Gemüse und Plastikfetzen.

Zwei Männer schleppten eine weiche, sanft stöhnende Körpermasse; Menschen huschten von Haufen zu Haufen, kauerten nieder, drückten hier den Finger an den Hals, hielten inne; hoben dort ein Augenlid, starrten ins Leere. Ich nahm das Notizbuch hervor und ging weiter, meine Schuhe waren schon klebrig geworden.

Wir gingen im Gänsemarsch durch die blutige Topographie, suchten einen Weg durch Oberkörper und Rumpfteile, durch Arme und Hände und Stücke von Gliedmassen, durch grosse, formlose Fetzen von Fleisch, vermischt mit verkohltem Metall, Gemüse und Holzspänen. Drei Männer in schwarzen Handschuhen waren hinter einem alten Lastwagen an der Arbeit. Ich trat näher und sah, dass sie versuchten, die Körper zu arrangieren, sie suchten nach passenden Körperteilen und hoben sie auf die Ladefläche. Der Lastwagen war schon halbvoll, von den Pneus tropfte dickes Blut.

Ein grosser schnauzbärtiger Mann weinte. Er beugte sich über ein blutiges Bündel von Tuch und Fleisch, zwei kleinere Männer stützten ihn. Als der grosse Mann wieder auf die Füsse kam, sein schnauzbärtiges Gesicht rot und verkrampft und wütend, erkannte ich ihn wieder. Ich hatte am Tag zuvor mit diesem Mann geplaudert, was verkaufte er schon wieder? Linsen, ja, Linsen und Kartoffeln, und seine Frau, die entleibt am Boden lag, war an seiner Seite gestanden. Jetzt hob er seinen grossen Kopf, schaute zum Himmel, schüttelte die Fäuste und begann zu schreien; ich folgte seinem Blick und sah glitzernde Pünktchen im klaren Blau: Flugzeuge der Nato patrouillierten über der «Schutzzone» von Sarajevo.

«Viele hatten Eis in den Ohren.»

«Was, Entschuldigung, was meinen Sie?»

«Eis. Sie hatten Eis in den Ohren», sagte Dr. Radovan Karadzic, Psychiater, Dichter, Leader der Serben, und nahm einen Löffel Eintopf. «Sie kennen ja die Muslime, sie gingen ins Leichenschauhaus und brachten die Toten auf den Markt. Selbst wenn die Muslime die Granaten selber abfeuern wie diesmal: Keine einzelne Granate tötet so viele Menschen aufs Mal. Deshalb gingen sie ins Leichenhaus.»

Eis in den Ohren? Was sollte ich darauf antworten? Ich bin dort gewesen, die Leichen waren echt, das kann nicht Ihr Ernst sein? Und Dr. Karadzic würde mir in die Augen schauen und in diesem vernünftigen Ton sagen: Ja, aber haben Sie ihre Ohren untersucht? Nein? Wie können Sie dann sicher sein?

Ich war sprachlos; es war nicht das erste Mal während unseres Essens. Und doch, in der indiskutablen Monstrosität seiner Aus- sage lag mehr. Sie reichte hinein in die komplexe diplomatische Sprache dieses Krieges. Karadzic fabrizierte Entschuldigungen für die Welt, Ausreden, um diesen Krieg geschehen zu lassen.

Zwei Tage vor meiner Begegnung mit Dr. Karadzic, vier Stunden nachdem die Granate das Wellblech der Markthalle durchschlagen hatte, sass ich in Sarajevo im vollgestopften Büro der ABC News und sah fern. Jemand schaltete von Sarajevo TV, wo die Leichen gezeigt und die Namen der Toten aufgeführt wurden, zu den britischen Sky News. Eine junge Nachrichtensprecherin sagte, Dr. Radovan Karadzic sei über die Anschuldigung, die Serben hätten den Markt bombardiert, empört. Er verlange, dass die Beschuldigung zurückgenommen werde, und solange dies nicht geschehe, würden seine Soldaten alle Nahrungsmitteltransporte in die Stadt blockieren. Nach dieser Nachricht blickte die Sprecherin direkt in die Kamera und sagte mit geübtem Nachdruck: «Es gibt noch keinen Bericht dar-über, wer der Urheber dieses grässlichen Verbrechens ist.»

Die Absurdität der Aussage war dermassen offenkundig, dass ich mich sprachlos nach den Reaktionen im Zimmer umsah. Niemand zuckte mit der Wimper. Alle waren daran gewöhnt. Sie wären auch nicht erstaunt gewesen zu erfahren, dass zur selben Zeit ein den Uno-Truppen unterstellter kanadischer Major in der nordwestlichen Ecke des Marktes kauerte und eifrig das Muster studierte, nach dem das Schrapnell der Granate sich ausgebreitet hatte, um herauszufinden, woher sie gekommen war. Tatsächlich war der kanadische Major mit der bereits dritten Krateranalyse dieses Nachmittags beschäftigt. Die erste hatte ein französischer Leutnant um 14 Uhr durchgeführt, die zweite ein französischer Hauptmann eine Stunde später. Da es sich um eine nicht eben exakte Wissenschaft handelte, differierten die Ergebnisse markant: Der französische Leutnant kam zum Schluss, die Granate sei aus dem Norden gekommen, was theoretisch bedeutete, dass sowohl Serben als auch Muslime sie hätten abschiessen können; der kanadische Major kam auf etwas anderen Wegen zum ungefähr gleichen Resultat; der französische Hauptmann hingegen fand, das Geschoss sei aus dem Osten gekommen – dort waren die muslimischen Linien positioniert.

Auf einen naiven Betrachter wirkte diese Übung höchst verwirrend. Sarajevo lag in einem Tal, umgeben von Bergen. Seit fast zwei Jahren beschossen serbische Geschütze, darunter viele 120-mm-Mörser, von eben diesen Bergen aus Sarajevo Tag für Tag mit Granaten. Bisher hatten sie vielleicht 10 000 Menschen umgebracht. Doch sobald eine Granate viele Menschen auf einmal tötete, fühlte die Uno sich verpflichtet, die Herkunft der Granate als «unbestimmt» zu bezeichnen.

Das Ganze ist ein weiteres Beispiel für die Symbiose zwischen den Serben und der Uno. Die Serben waren am Gewinnen und brachten Bosnien damit dem «Frieden» näher, wenn nur die sturen Muslime das endlich hingenommen hätten. Und die Uno, deren vornehmlich französischen und britischen Truppen, wollten nichts weiter, als «humanitäre Hilfe» leisten und sich «neutral» verhalten, damit die Serben ihnen weiterhin erlaubten, die Opfer zu versorgen.

«Eis in den Ohren»: Mit seinen scheinbar absurden Aussagen hatte Karadzic die Situation glänzend interpretiert. Da, wo es keinen Zweifel geben durfte, gelang es ihm, Zweifel zu wecken, weil die Leute zweifeln wollten.

Vor diesem Tag im Februar 1994 hatten sich die westlichen Staatschefs in einem Lähmungszustand befunden. Präsident Clin-ton verlangte «drastische Massnahmen», war selbst jedoch nach wie vor nicht gewillt, amerikanische Truppen zu entsenden. Die Europäer waren entschlossen, ihre Intervention einzig auf die Bewachung von Nahrungsmittelkonvois zu beschränken. Doch nun spürten die westlichen Staatschefs, wie sehr die Blicke der Welt auf sie gerichtet wurden.

Für die Interventionisten in Clintons Beraterstab, der in der Bosnienfrage tief gespalten war, traf die Granate den Markt zu einem günstigen Zeitpunkt. Seit fast einem Jahr hatten die USA sich weitgehend passiv verhalten.

Präsident Clinton schob die Schuld den Europäern zu: Sie hatten die von ihm vorgeschlagene Politik von «Lift and Strike» abgelehnt. Die Europäer beschuldigten Clinton: Seine leidenschaftlichen Reden und Sympathiebekundungen für die Bosnier hatten wenig mehr bewirkt, als die bosnischen Führer in der Illusion zu wiegen, dass die Amerikaner ihnen zu Hilfe eilen würden.

Niemand weiss, wie lange die Amerikaner noch zugewartet hätten, wenn keine Granate auf den Markt gefallen wäre. Unter dem Eindruck der Bilder aus Sarajevo – und von Gesprächen, bei denen der französische Aussenminister Alain Juppé verlangt hatte, dass die USA sich in Bosnien stärker einsetzten – wurde zusammen mit den Franzosen entschieden, den Serben ein Ultimatum zu stellen. Falls sie nicht binnen zehn Tagen ihre schweren Geschütze zwanzig Kilometer von Sarajevos Zentrum entfernt hätten, würden ihre Artilleriestellungen von Nato-Kampfflugzeugen angegriffen und zerstört. Das Ultimatum hatte eine unerwartet weit reichende Wirkung. Abgesehen von der Ruhepause, die es der Bevölkerung von Sarajevo brachte, wurde dadurch eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, welche der widersprüchlichen westlichen Bosnienpolitik ein Ende machte und, nach dem Massaker in Srebrenica, zum Waffenstillstand von Dayton führte.

Am Tag nach der Bombardierung des Marktes hatte David Owen, der EU-Verhandlungsführer, Radovan Karadzic getroffen, um ihn zu einem «separaten politischen und militärischen Friedensabkommen betreffend den Bezirk Sarajevo» zu überreden. Laut Lord Owen war Karadzic «äusserst wütend», auch über das angekündigte Ultimatum. «Ultimatum war für ihn ein emotionsgeladenes Wort, da es die Deutschen vor der Bombardierung von Belgrad verwendet hatten. Karadzic bestritt vehement, dass seine Streitkräfte eine Granate auf den Marktplatz gefeuert hätten.» Lord Owen zeigte sich verständnisvoll: «Nachdem ich seit 18 Monaten den Behauptungen und Gegenbehauptungen der drei Parteien ausgesetzt war, kamen für mich alle als Verantwortliche in Frage.»

Während die Diplomaten in Brüssel über den Wortlaut ihres Ultimatums debattierten, arbeitete Unprofor-Befehlshaber General Rose intensiv auf eine Waffenruhe hin. Der Engländer, ein gefeierter Offizier, der auch die britische Eliteeinheit Strategic Air Services kommandiert hatte, hielt eine Bombardierung durch die Nato für katastrophal. Mit der ersten Nato-Bombe, so glaubte er, würden sich die von ihm kommandierten Truppen in den Augen der Serben von Friedenswächtern in Krieger verwandeln. Deshalb wartete General Rose auf dem Flughafen von Sarajevo auf Offiziere der serbischen und der bosnischen Armee. Die serbischen Offiziere kamen, die bosnischen nicht. Die Serben hofften, mit dem Angebot von Rose der Bombardierung durch die Nato zu entgehen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Izetbegovic und seinen Kollegen dagegen kam der Plan von Rose sehr ungelegen. Sie hofften, die Bombardierung des Marktes und das dadurch ausgelöste Mitgefühl der Welt brächte ihnen endlich das, worum sie seit Beginn des Kriegs gekämpft hatten: aktive militärische Unterstützung des Westens. ·

Wütend über die Absage der Bosnier fuhr General Rose ins Büro von Izetbegovic, der gerade von CNN interviewt wurde. Laut General Jovan Divjak, dem stellvertretenden Kommandanten der bosnischen Streitkräfte, der ebenfalls anwesend war, platzte Rose hinein und drohte, «die internationale Öffentlichkeit zu informieren, dass wir an der Fortsetzung des Konflikts schuld wären, da die serbische Seite zu verhandeln bereit sei, während wir uns weigerten».

Dann habe Rose, laut höheren Unprofor-Offizieren, die ihn begleitet hatten, einen Briefumschlag hervorgezogen, Divjak und Izetbegovic gezeigt und gesagt: «Ich habe hier eine Anschuldigung.» Es handelte sich offenbar um die zweite Krateranalyse, jene, welche die Muslime belastete. Daraufhin soll sich Präsident Izetbegovic umgehend bei Rose entschuldigt und General Divjak zum Flughafen beordert haben. Kurz danach wurde die Waffenruhe vereinbart.

Als am 21. Februar 1994 die Dunkelheit über Sarajevo hereinbrach, begannen sich serbische Panzerwagen, Kanonen und Mörser langsam die Berghänge hinunterzubewegen. Viele dieser Waffen waren unterwegs zu «Sammelplätzen», die im serbisch besetzten Gebiet eingerichtet und von französischen, russischen und ukrainischen Friedenswächtern «überwacht» werden sollten. Konfrontiert mit der drohenden Bombardierung durch westliche Kampfflug- zeuge, hatten General Ratko Mladic und Dr. Radovan Karadzic einen Rückzieher gemacht. Für Präsident Izetbegovic und seine bosnischen Muslime hätte dies ein eigentlicher Triumph sein müssen.

War es aber nicht. Zehn Tage lang hatten die Serben dem Ultimatum getrotzt, bis der britische Premierminister John Major, der eigentliche Boss von General Rose, nach Moskau flog und den rus-sischen Präsidenten Boris Jelzin um Beistand ersuchte. Mit Major auf seiner Seite prangerte Jelzin daraufhin die Versuche des Westens an, ohne das Einverständnis von Russland auf dem Balkan einzugreifen. Dann schickte Jelzin eine Botschaft an Karadzic mit dem Angebot, russische Friedenswächter zu schicken, um serbische Viertel zu beschützen und serbische Waffen zu bewachen.

Dr. Radovan Karadzic, den die Welt als Urheber des Marktmassakers verachtete, hatte die Spaltung des Westens – in Franzosen und Amerikaner, die seit kurzem aggressiver auftraten, und in stets zurückhaltende Briten und gehässige Russen – raffiniert ausgenutzt.

Nach dem Marktmassaker in Sarajevo war Karadzic stärker denn je. Präsident Izetbegovic dagegen, der die lang ersehnte militärische Unterstützung durch den Westen endlich in Reichweite gesehen hatte, sah sich enttäuscht, gedemütigt und gefangen. Seine Hoffnung, dass die silbrigen Flugzeuge über dem Himmel von Sarajevo je etwas anderes tun würden, als weit oben ihre Kreise zu ziehen, wurde immer kleiner.

Ich erfuhr vom «Time»-Reporter Ed Barnes, wer die Bombe auf den Markt geschossen hatte. Am Tag des Massakers, erzählte er mir, wurden 300 Juden aus Sarajevo evakuiert. Weil sich die Formalitäten in die Länge zogen, wurde der Buskonvoi geteilt. Als die ersten drei Busse passiert hatten, dachten die Serben, der Waffenstillstand sei vorbei. Ihr erstes Ziel waren die Freunde der Evakuierten, die vor dem jüdischen Gemeindehaus, wenige hundert Meter vom Mar- kela-Markt entfernt, herumstanden. «Die Serben schossen am liebsten auf Menschenansammlungen», meinte Barnes. Sie haben diese Ansammlung verfehlt, aber eine andere getroffen. ·

Vorderseite Friedenstruppen der Uno auf dem Flughafen Sarajevo.

Oben Der Markela-Markt in Sarajevo nach dem Einschlag der Granate am 5. Februar 1994.

Oben Tragbahren vor dem Kosevo-Spital in Sarajevo.


5 Smith gegen Mladic

Im Westen ergreift endlich das Militär die Initiative. Der englische Uno-General Rupert Smith geht aufs Ganze und schickt die Bomber los. Die Politiker müssen Farbe bekennen.

Am 22. Mai 1995 – 15 Monate nachdem die westlichen Staatschefs aus Empörung über die Fernsehbilder von 68 verstümmelten Leichen in der Markthalle von Sarajevo ein Ultimatum ausgesprochen hatten und die bosnischen Serben deswegen ihre Panzerwagen, Kanonen und Mörser aus den Bergen und Kämmen über der Stadt abgezogen hatten – erzwangen sich schwerbewaffnete serbische Soldaten in Camouflageuniformen den Zugang zu einem der Uno-Waffensammelplätze. Gemächlich zwischen den Geschützen und Panzerfahrzeugen herumschlendernd, als seien sie auf einem Einkaufsbummel, wählten sie aus dem verlockenden Angebot schliesslich zwei Kanonen aus. Die Proteste der gedemütigten französischen Uno-Blauhelme, welche die serbischen Waffen hätten «beaufsichtigen» sollen, taten sie mit einem Lachen ab, während sie die Kanonen an ihre Lastwagen koppelten und durchs Tor hinausfuhren.

Am folgenden Tag befahl General Ratko Mladic, Kommandant der bosnisch-serbischen Armee, seinen erneut in Stellung gegan- genen Artilleristen ein gnadenloses Sperrfeuer auf Sarajevo.

Am 24. Mai verkündete Lieutenant General Rupert Smith, ein einfallsreicher und willensstarker britischer Offizier, der General Sir Michael Roses Nachfolge als Kommandant der Uno-Bodentruppen in Bosnien angetreten hatte, ein zweites, verschärftes Ultimatum. Sollten die Serben nicht aufhören, Sarajevo zu beschiessen, würden sie am nächsten Tag von Nato-Kampfflugzeugen angegriffen. Als die Serben den Befehl der Uno mit der gewohnten Verachtung ignorierten, überraschte General Smith General Mladic und einen Gross-teil der übrigen Welt durch eine Aktion, die sie zuletzt erwartet hätten: In der Nähe der sogenannten serbischen Hauptstadt Pale, also vor der Haustür des selbsternannten serbischen Präsidenten Karadzic, bombardierten Nato-Flugzeuge zwei Munitionsbunker.

Ausser sich vor Wut griff General Mladic zum Funkgerät und befahl seinen Soldaten, die auf den Hügeln und Kämmen rund um alle sechs von der Uno bestimmten «Schutzzonen», um Bihac, Go- razde, Tuzla, Zepa, Srebrenica und Sarajevo selbst, lauerten, die Städte unter Beschuss zu nehmen.

General Smith zögerte nicht. Am nächsten Morgen um 10.30 Uhr schickte er weitere Nato-Kampfflugzeuge nach Pale, um die übrigen sechs Bunker des Depots zu bombardieren. Daraufhin befahl General Mladic seinen Soldaten, jenen Schritt zu unternehmen, den fast alle in Bosnien involvierten Staatschefs vorausgesehen hatten. Mladic befahl seinen Soldaten, die waffen- und zahlenmässig unterlegenen Uno-Truppen einzukesseln und als Geiseln zu nehmen. Wenige Stunden später sahen Menschen in aller Welt in den Nachrichten, dass Soldaten aus Frankreich, Grossbritannien und verschiedenen anderen stolzen Ländern an Hangars, Munitionsdepots, Brücken und andere strategische Ziele der Nato gekettet worden waren. «Nicht wir werden ihre Hinrichtung vollziehen», sagte einer von Dr. Karadzic’ Beratern, «sondern die Nato.»

Wie Tim Judah in seinem Buch «The Serbs» («Die Serben») beschreibt, war dies in erster Linie eine durchdachte Propaganda- aktion, die eigens für die Kameras inszeniert wurde: «Viele Gefangene wurden erst angekettet, als gefilmt wurde. Einer wurde später beim Biertrinken mit seinen Bewachern geneckt, er sei beim Posieren in der Sonne so schön braun geworden. Der propagandistische Wert solcher Bilder war offensichtlich, ihr kommerzieller Wert freilich noch grösser. Dragan Bozanic, Redaktor von TV Pale, versteigerte den Film an die internationalen Nachrichtenagenturen.» Aber den Scherzen über die Sonnenbräune zum Trotz hatten die bosnisch-serbischen Soldaten 374 Uno-Soldaten gefangengenommen, und während seine Leute mit den Blauhelmen Bier tranken und lachten, gelobte General Ratko Mladic öffentlich, sie hinzurichten, wenn General Smith seine Flugzeuge angreifen liess.

Doch in den letzten Maitagen des Jahres 1995 sahen sich die Serben mit Rupert Smith einem Gegner gegenüber, der entschlossen war, vorwärtszumachen und zu beweisen, dass die serbische Drohung, die Uno-Soldaten hinzurichten, eine leere war. Denn was hätten sie damit anderes bewirkt, als den Zorn der Welt herabzubeschwören? General Smith war entschlossen, Mladic gegenüber aufs Ganze zu gehen und so den Teufelskreis zu durchbrechen, der die westliche Bosnienpolitik lahmgelegt hatte. Sein Versuch machte offenbar, welches Gewirr von öffentlichen Prahlereien und heimlichen Ängsten der westlichen Bosnienpolitk zugrundelag.

Im Frühling 1995 hatte sich die militärische Lage verändert: Zu Beginn des Krieges hatte die serbisch-bosnische Armee in ihrem von langer Hand geplanten Feldzug innerhalb von sechs Wochen 70 Prozent Bosniens erobert. Die Verteidigungsstrategie des bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic hatte einzig im Vertrauen auf die Solidarität der «internationalen Gemeinschaft» bestanden.

Doch dann kam der serbische Angriff zum Stillstand. Auch wenn die Intervention des Westens mehr oder weniger darin bestanden hatte, die Opfer durchzufüttern, hatte sie ausgereicht, um den Schwung der Serben zu bremsen. Dieses komplizierte Geflecht von humanitärer Hilfe, diplomatischen Beschwichtigungen, halbherzigen Sanktionen und latenten Drohungen kursierte bei den Uno-Strategen unter dem Begriff «Die Maschine».

Aber in der Zwischenzeit hatte sich auch eine muslimische Armee formiert, die nicht nur an Truppenstärke und Motivation der serbischen Seite überlegen war, sondern auch Wege gefunden hatte, um trotz des Embargos an Waffen heranzukommen. Seit Frühling 1994 wurden die Muslime von der Türkei, Saudiarabien und dem Iran über eine Luftbrücke via Zagreb mit Waffen versorgt, im stillen Einverständnis Kroatiens und der Amerikaner. Es waren die Amerikaner gewesen, die im März 1994 die Kroaten und die Mus-lime zusammengebracht hatten. Einige Wochen später fragte der kroatische Präsident Franjo Tudjman den amerikanischen Botschafter in Zagreb, Peter Galbraith, «welcher Ansicht» dessen Regierung wäre, wenn Kroatien Waffen an Bosnien weiterleitete. Der Botschafter, der sich der Empfindlichkeiten der Europäer wohl bewusst war, gab die Anfrage an Washington weiter. Präsident Clinton gab seinem Abgesandten die Instruktion, Präsident Tudjman zu bestellen, er habe in Sachen Waffenlieferungen «keine Instruktionen» erhalten. Botschafter Galbraith gab die Botschaft weiter, und er riet Tudjman ausserdem, «nicht nur auf das zu achten, was ich gesagt hatte, sondern auch auf das, was ich nicht gesagt hatte».

Zwei Jahre später erklärte Strobe Talbott, der damals stellver- tretender amerikanischer Aussenminister war, vor Senatoren des Geheimdienstausschusses: «Hätten wir den Kroaten ja gesagt, das heisst, explizit und entschieden die Waffenweiterlieferungen befürwortet, wären wir in die Situation geraten, aktiv und einseitig einen Verstoss gegen das Waffenembargo zu unterstützen. Die öffentliche Enthüllung einer solchen Haltung hätte die Beziehung zu unseren Verbündeten, die Truppen an Ort und Stelle hatten, ernsthaft belastet. Es wäre zu einem überstürzten Abzug der Unprofor gekommen, der wiederum einen grösseren US-Truppeneinsatz nach sich gezogen hätte als Teil einer potentiell verlustreichen Nato-Befreiungsmassnahme. Hätten wir uns explizit gegen die Weiterlieferung von Waffen geäussert, hätten wir die ohnehin verzweifelte mili- tärische Lage der Bosnier noch verschärft und das Bündnis von Muslimen und Kroaten wohl zum Scheitern verurteilt.» Im Bericht des Senats steht, dass der amerikanische General Wesley Clark, heute oberster Kommandant der Nato, persönlich nach Sarajevo geflo- gen war, um sich vom reibungslosen Verlauf der Waffentrans- porte zu überzeugen. Die Amerikaner hatten ihre Nichteinmischungstaktik, wenn auch heimlich, aufgegeben; die Muslime und Kroaten wurden stetig stärker.

General Ratko Mladic musste merken, dass die Zeit für seine Serben knapp wurde. Er war gezwungen, den Krieg bis im Sommer zu Ende zu führen: Die Serben verstärkten also den Druck auf die Enklaven und schnitten die Versorgungswege ab, die nicht nur für die im Elend vegetierende Bevölkerung, sondern auch für die Uno-Truppen lebenswichtig waren. Im Mai 1995 beschossen die Serben Sarajevo heftiger denn je. Dann schickte General Smith mit unerwartetem Wagemut seine Bomber los, Mladic nahm Geiseln, und das Spiel begann.

Seit Monaten hatte Rupert Smith auf diesen Moment gewartet und jedem Würdenträger, der durch Sarajevo kam, seine These dargelegt, die Honig und Both so zusammenfassen: «Die internationale Gemeinschaft» müsse ihm erlauben, «strategische Ziele zu bombardieren, sonst «ginge die Maschine kaputt»: Die Nato-Luftwaffe würde ihre abschreckende Wirkung auf die Serben verlieren. Dann aber müsste die internationale Gemeinschaft für eine «bessere Maschine» besorgt sein, mit mehr Power und grösserer Sicherheit».

Im Grunde war Smith’ Strategie eine politische. Sie zielte nicht so sehr auf die Serben, sondern auf die westlichen Mächte ab. Dies machte ihre Raffinesse aus, war aber auch ihre Schwäche, wie sich herausstellen sollte. Das «Schutzzonen»-Abkommen mochte 1993 ein Massaker verhindert haben, doch seit die Serben diese Gebiete bombardierten und muslimische Truppen sie als Ausgangspunkte für Ausfälle verwendeten, waren sie zu Konfliktzonen geworden, da die westlichen Staatschefs, als sie diese Gebiete zu Schutzzonen erklärt hatten, weder den Willen noch die Ressourcen zu ihrer Verteidigung aufgeboten hatten. Die Festlegung der Schutzzonen zwei Jahre zuvor war ein politischer, kein militärischer Vorgang gewesen: Die Serben konnten sofort sehen, dass die Zahl der in die Schutzzonen entsandten Truppen ungenügend war und sie davon abhängig sein würden, dass die serbischen Soldaten, welche die Enklaven eingekreist hatten, genügend Waffen, Vorräte und Verstärkung durchliessen. Die Einrichtung der Schutzzonen war im Hinblick auf das westliche Publikum erfolgt, das etwas beklatschen sollte, was es für eine starke Willenskundgebung seiner Staatschefs hielt.

Wie also sollten die Schutzzonen in eine militärische Realität umgesetzt werden? Smith’ Plan umfasste zwei strategische Phasen. Die erste, von ihm «Eskalation zum Erfolg» genannte, hatte er damit eingeleitet, dass er Luftangriffe direkt gegen Pale führte; durchaus im Wissen, dass die Serben als Reaktion darauf Geiseln nehmen würden. Nun schlug er weitere Luftangriffe vor; er setzte darauf, dass die Serben es nicht wagen würden, den Blauhelmen etwas anzutun, weil dies wohl das einzige wäre, was eine heftige Reaktion des Westens nach sich zöge.

So gern Smith diesen Kurs verfolgt hätte: er machte sich auf einen anderen Ausgang gefasst. Da die Serben mit den Fernsehbildern gefangener britischer und französischer Soldaten auf die westlichen Regierungen starken Druck ausüben konnten, nahm Smith an, dass seine erste Strategie Standhaftigkeit und politischen Mut erfordert hätte, über die wohl kein westlicher Staatschef gebot. Und was würde geschehen, wenn Mladic, entgegen jeder Vernunft, tatsächlich Geiseln hinrichtete?

Sollten die westlichen Staatschefs sich der «Eskalation zum Erfolg» aber verweigern, was General Smith für wahrscheinlich hielt, hätte er damit ein für allemal den unwiderlegbaren Beweis erbracht, dass die Uno-Mission in Bosnien, die ursprünglich als «humanitäre» geplant gewesen war, sich dann aber rasch und unkontrolliert zur «Friedenserzwingungsmission» entwickelt hatte, mit den bestehenden Mitteln nicht durchführbar war. In den Worten von Smith würde die öffentliche Unwilligkeit der westlichen Staatschefs, sich auf eine «Eskalation zum Erfolg» einzulassen, beweisen, dass «die Maschine kaputt» war. Und wenn ihnen nichts anderes übrigbliebe, als dies zu akzeptieren, hätten Smith und sein Vorgesetzter General Bernard Janvier, der französische Kommandant der Uno-Truppen, eine Alternative zu bieten: eine andere «Maschine», die funktionieren würde. Ihre Idee, die sie bereits Uno-Generalsekretär Boutros-Ghali vorgelegt hatten, bestand darin, die Uno-Truppen ausserhalb serbischer Reichweite in Zentralbosnien zu konzentrieren. In den Schutzzonen würden Beobachter genügen, die eigentliche Arbeit erledigten die Bomber.

Smith’ Strategie, die Uno-Truppen neu zu verteilen, war nicht nur militärisch und logisch unanfechtbar; sie machte gleichzeitig deutlich, was der Unentschlossenheit und der Konfusion der westlichen Staatschefs in der Bosnienfrage tatsächlich zugrunde lag: ihre Willensschwäche. Indem er die Uno-Truppen in eigene Schutzzonen zurückzöge, verringerte Smith das Risiko, dass ihnen etwas zustossen könnte. Die westlichen Staatschefs, die sie dorthin geschickt hatten, wären somit an der Heimatfront politisch aus der Schusslinie. Dies gäbe den Politikern die nötige Freiheit, um ihre Jagdbomber gegen die Serben loszuschicken.

Doch wie General Janvier im Sicherheitsrat inmitten des Tumults ihn von allen Seiten attackierender Stimmen schmerzlich feststellen musste, hatten er und General Smith ein kleines Detail nicht vorausgesehen.

Die amerikanische Uno-Botschafterin Madeleine Albright erklärte General Janviers Lagebeurteilung für «schlicht und einfach völlig falsch». Die wütende Reaktion jener Frau, die lange eine führende Bosnienhardlinerin war, zeigte die tiefe Widersprüchlichkeit der amerikanischen Politik überdeutlich auf. Mrs. Albright war nicht bereit, sich von der Fiktion der «Schutzzonen» zu trennen, an deren Erfindung sie beteiligt war. Mit dieser vehementen Verteidigungshaltung hatte selbst der politisch scharfsinnige General Smith nicht gerechnet. Er hatte nicht berücksichtigt, dass die Schutzzonen zu einem Symbol westlicher Entschlossenheit geworden waren. Nach Mrs. Albrights und ganz bestimmt nach Präsident Clintons Dafürhalten wäre das Aufgeben der Schutzzonen misstrauischen Kongressleuten und Pressekommentatoren nur mit Mühe zu erklären gewesen; noch schwieriger allerdings hätte es sich als jene «kraftvolle» Politik verkaufen lassen, welche die Administration so lange und so risikolos befürwortet hatte.

Die Amerikaner wollten weiterhin die harten Burschen markieren und Luftangriffe verlangen, andererseits waren sie nach wie vor nicht bereit, zu diesem Zweck politische Risiken einzugehen. Als europäische Regierungschefs signalisierten, sie überlegten sich, ihre Truppen aus Bosnien abzuziehen, um so die von den Amerikanern seit langem geforderte Bombardierung zu ermöglichen, schlug Mrs. Albright gleich einen anderen Ton an; denn in diesem Fall hätten die Amerikaner Zehntausende von Soldaten nach Bosnien schicken müssen, von denen wahrscheinlich viele gestorben wären.

Die Vehemenz, mit der Botschafterin Albright auf General Janviers Vorschlag reagierte, zeigte sich höchstens noch beim holländischen Uno-Botschafter Niek Biegman. Er wusste mehrere hundert seiner Landsleute als «Beschützer» in Srebrenica.

General Janvier war sicher gewesen, den Sicherheistrat davon überzeugen zu können, die Gefährdung seiner – und ihrer – Soldaten zu verringern und ihre Macht zu stärken. Er hatte gehofft, in New York die Erlaubnis zu erhalten, die östlichen Enklaven mit seinen Helikoptern zu versorgen und mit seinen Kampfflugzeugen strategische Ziele tief im bosnisch