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antikrieg.com
US-Folter: Stimmen von dunklen Orten View other pieces in "antikrieg.com"
By Mark Danner April 20, 2009
Tags: IKRK | antikrieg.com | middle east | Folter | German Print
(translated from the original English)

IKRK-Bericht über die Behandlung von 14 "besonders wertvollen Gefangenen" in den Händen der CIA, Internationales Komitee vom Roten Kreuz, Februar 2007

Wir müssen bis zum Grunde dessen vorstoßen, was passiert ist - und warum es geschehen konnte - um sicherzustellen, dass es nie wieder passiert. (1) Senator Patrick Leahy, Vorsitzender im Justizausschuss des Senats


1.

Wir glauben, dass Zeit und Wahlen unsere gefallene Welt reinwaschen werden, aber das werden sie nicht. Seit November scheinen sich George W. Bush und seine Regierung mit zunehmender Geschwindigkeit von uns entfernt zu haben, ein dunkler Komet auf dem Weg zum Ende des Universums. Die Phrase "Krieg gegen den Terror" - die kennzeichnende Losung dieser Regierung, so geschätzt von dem Mann, der sich mit Stolz als "Kriegspräsident" bezeichnete - wird mittlerweile nur mehr in Anführungszeichen gebraucht als etwas fragwürdiges, ein bisschen peinliches: etwas, das vorbei ist. Dennoch liegen die Entscheidungen, die dieser Präsident getroffen hat, besonders die weit reichenden Entscheidungen nach den Attacken des 11. September 2001 - Entscheidungen über Überstellungen, Überwachung, Verhöre - unter uns verstreut herum, nicht beansprucht und nicht begraben, wie gerade verstorbene Leichen.

Wie sollen wir beginnen? Vielleicht mit einer Geschichte? Geschichten kommen neu geboren zu uns und geben kund: Es war einmal ... Am Anfang war ... Daraus erkennen wir, dass wir darauf hören sollen, was kommt. Aufgepasst:  

Ich wachte auf, nackt, an ein Bett geschnallt, in einem sehr weißen Raum. Der Raum maß etwa 4m x 4m. Der Raum hatte drei feste Wände, die vierte Wand bestand aus Metallstangen, die ihn von einem größeren Raum abteilten. Ich bin nicht sicher, wie lange ich in dem Bett blieb ...

Ein Mann, ohne Namen, nackt, an ein Bett geschnallt, und sonst noch die elementaren Gegebenheiten von Raum und Zeit, nichts als Weiss.

Der Erzähler dieser Geschichte ist sehr wohl ein Mann unserer Zeit. In der Anfangsphase des "Krieges gegen den Terror", im Frühling 2002, betrat er das dunkle Reich der "Verschwundenen" - und erst viereinhalb Jahre später, nachdem er und dreizehn andere "wertvolle Gefangene" in Guantanamo angekommen und ihre Geschichten in Interviews mit Vertretern des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz erzählt hatten (berichtet in dem vertraulichen Dokument, s. Download-Link) - trat er teilweise in das Licht. In der Tat ist er ein berühmter Mann, obwohl er seinen Ruhm auf einem bestimmten Weg erlangt hat, der zu unserer modernen Zeit passt: Jihadist, Gesetzloser, Terrorist, "Verschwundener." Eine internationale Berühmtheit, dessen Name oder zumindest einer davon sofort erkennbar ist. Wieviele Menschen haben schon ihren Lebenslauf vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in einer landesweit gesendeten Fernsehansprache beschrieben bekommen? 

Innerhalb von Monaten nach dem 11. September 2001 nahmen wir einen Mann mit dem Namen Abu Zubaydah gefangen. Wir glauben, dass Zubaydah ein höherer Anführer der Terroristen und Vertrauensmann von Osama bin Laden ist ... Zubaydah wurde schwer verwundet im Zuge des Feuergefechtes, das zu seiner Verhaftung führte - und er überlebte nur aufgrund der medizinischen Versorgung, die die CIA in die Wege leitete. (2) 

Eine dramatische Geschichte: große Neuigkeit. Verwundet in einem Schusswechsel in Faisalabad, Pakistan, Schussverletzungen in Magen, Leistengegend und Oberschenkel nach dem Sprung von einem Dach, in einem verzweifelten Versuch zu entkommen. Massive Blutungen. In größter Eile in ein Militärspital in Lahore. Ein Unfallchirurg in Johns Hopkins (Spezialklinik in Baltimore, d.Ü.) spät nachts aufgeweckt durch einen Anruf des CIA-Direktors und in größter Verschwiegenheit auf die andere Seite der Erdkugel geflogen. Der verletzte Mann entkommt gerade dem Tod, sein Zustand bessert sich langsam, er wird geheim in eine Militärbasis in Thailand gebracht. Dann in eine andere in Afghanistan. Oder war es Afghanistan?

Wir wissen es nicht, nicht mit Bestimmtheit. Vom Zeitpunkt seiner dramatischen Verhaftung an 28. März 2002 an schlüpfte der Mann namens Abu Zubaydah von einer geheimen Welt, nämlich derjenigen der al-Qaeda-Funktionäre, die nach dem 11. September untergetaucht waren, in eine andere, ein "geheimes globales Internierungsnetzwerk", eingerichtet für geheime Anhaltung und Befragung und errichtet von der Central Intelligence Agency mit direkter Ermächtigung durch Präsident George W. Bush in einem "memorandum of understanding" (Aktennotiz), unterzeichnet am 17. September 2001. 

Dieses geheime System erstreckte sich über Gefängnisse in Militärbasen rund um die Erde, von Thailand und Afghanistan bis Marokko, Polen und Rumänien - "zu verschiedenen Zeiten" umfasste es nach Berichten "Orte in acht Ländern" - in welche zu dieser oder jener Zeit über hundert Gefangene verschwanden. (3) Das geheime Internierungsnetzwerk "schwarzer Orte" verfügte über eine eigene Luftwaffe und eigene charakteristische "Überstellungsmethoden", die nach den Autoren des Berichtes des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz "in den meisten Fällen ziemlich standardisiert waren":

Der Gefangene wurde fotografiert, bekleidet und nackt, vor und nach der Überstellung. Eine Überprüfung der Körperöffnungen (Rektalexamination) wurde durchgeführt und einige Gefangene gaben an, dass bei dieser Gelegenheit ein Suppositorium eingeführt wurde (Art und Wirkung war den Gefangenen unbekannt).

Dem Gefangenen wurde eine Windel verpasst und er wurde mit einem Trainingsanzug bekleidet. Kopfhörer wurden auf seine Ohren platziert, über die manchmal Musik gespielt wurde. Die Augen wurden verbunden mindestens mit einem Tuch um den Kopf und schwarzen Schutzbrillen. Einige Gefangene gaben an, dass zusätzlich Watte über ihren Augen befestigt wurde, ehe Tuch und Schutzbrille angelegt wurden ...  

Der Gefangene wurde an Händen und Füßen gefesselt, zum Flughafen transportiert und in ein Flugzeug geladen. Er wurde üblicherweise in einer liegenden Sitzposition transportiert mit vor sich gefesselten Händen. Die Reisezeiten ... dauerten von einer Stunde bis zu über 24 bis 30 Stunden. Der Gefangene durfte nicht die Toilette benutzen und musste seine Notdurft in die Windel verrichten. 

Man stelle sich nur vor, wie es an diesem Ort in einer anderen Welt war: Schwärze statt Sehen. Schweigen  - oder "manchmal" laute Musik - statt der Klänge des Lebens. Fesseln, manchmal zusammen mit Handschuhen, statt der Möglichkeit zu greifen, berühren, fühlen. Man spürt Metall an Handgelenken und Knöcheln, Watte an den Augen, Tuch über das Gesicht, Scheiße und Urin auf der Haut. "Manchmal wurden die Gefangenen flach auf dem Boden des Flugzeugs liegend transportiert ... mit auf den Rücken gefesselten Händen," was "heftige Schmerzen und Beschwerden" verursachte, als sie von einem unbekannten Ort zu einem anderen geliefert wurden.

Was ihn betrifft, so gab Abu Zubaydah - 31 Jahre alt, geboren als Zein al-Abedeen Mohammad Hassan in Riyadh, Saudiarabien, palästinensischer Abstammung aus dem Gazastreifen, 

an, dass während einer Überstellung die Augenbinde so fest gezogen war, dass sie Wunden an seiner Nase und an den Ohren versursachte. Er weiß nicht, wie lange der Transport gedauert hat, berichtete aber, dass ihm seine Kerkermeister vorher mitteilten, er würde auf eine Reise gehen, die 24 bis 30 Stunden lang dauern würde.

Ein langer Weg: vielleicht nach Guantánamo? Oder Marokko? Dann zurück, anscheinend nach Thailand. Oder war es Afghanistan? Er meint, es wäre letzteres gewesen, er sei sich aber nicht sicher ...


2.

Alles unter Verschluss, aufgesplittert, sehr, sehr geheim. Aber - was bedeutet denn "geheim" genau? In unserer neueren Politik ist "geheim" zu einem seltsam komplexen Begriff geworden. Vor wem war "die geheime Bombardierung von Kambodscha" geheim? Sicher nicht vor den Kambodschanern. Vor wem war die Existenz dieser "geheimen Einrichtungen in Übersee" geheim? Sicher nicht vor den Terroristen. Vermutlich vor den Amerikanern. Andererseits konnte bereits im Jahr 2002 jeder Interessierte auf der Titelseite einer der führenden Zeitungen des Landes lesen:  

Die USA prangern Misshandlungen an, aber verteidigen Einvernahmen: "Stress und Zwang"-Taktiken angewendet bei Terrorismusverdächtigen, die in geheimen Einrichtungen in Übersee festgehalten werden  

Tief in der verbotenen Zone des von den Vereinigten Staaten von Amerika besetzten Luftwaffenstützpunktes Bagram in Afghanistan, ums Eck vom Anhaltezentrum und jenseits der abgetrennten geheimen militärischen Einheiten befindet sich eine Gruppe von Schiffscontainern aus Metall, geschützt durch eine dreifache Lage Stacheldraht. Die Container enthalten die wertvollsten Beutestücke aus dem Krieg gegen den Terrorismus - gefangene al Qaeda-Kämpfer und Anführer der Taliban ... 

"Wenn man nicht gelegentlich jemandes Menschenrechte verletzt, macht man wahrscheinlich seine Arbeit nicht ordentlich," sagte ein Beamter, der die Gefangennahme und Überstellung beschuldigter Terroristen beaufsichtigt hat. "Ich glaube nicht, dass wir hier die Sichtweise der 'Null Toleranz' vertreten wollen. Das war das ganze Problem mit der CIA für eine lange Zeit ..." 

Dieser lange Artikel von Dana Priest und Barton Gellman erschien in der Washington Post am 26. Dezember 2002, nur wenige Monate nach der Gefangennahme von Abu Zubaydah. Ein ähnlich langer Bericht folgte einige Monate später auf der Titelseite der New York Times ("Einvernahmen: Befragung von Terrorverdächtigen in einer dunklen und surrealen Welt"). Der munter aggressive Ton der zitierten Beamten - "Wir treten ihnen nicht die ... heraus. Wir schicken sie in andere Länder, wo sie dann die ... aus ihnen heraustreten" - weist auf eine andere politische Stimmung hin, eine in der ein prominenter Journalist in einer großen Zeitschrift für seinen wöchentlichen Kommentar den Titel "Zeit, über Folter nachzudenken" wählen konnte, um im Untertitel fortzufahren, dass in dieser "neuen Welt ... das Überleben alte Techniken verlangen könnte, die scheinbar schon nicht mehr in Frage gekommen sind." (4)    

Es gibt also Geheimnisse und Geheimnisse. Und als an einem strahlend sonnigen Tag vor zwei Jahren, gerade vor dem fünften Jahrestag der Attacken vom 11. September, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in den östlichen Saal des Weißen Hauses schritt und die hohen Beamten, Würdenträger und besonders eingeladene Familien von Hinterbliebenen des 11. September, die in Reihen vor ihm aufgestellt waren, darüber informierte, dass die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika ein finsteres und geheimes Reich geschaffen hat, um gefangene Terroristen festzuhalten und zu verhören - oder in den Worten des Präsidenten, "ein Umfeld, wo diese geheim festgehalten und von Experten befragt werden können" - enthüllte er kein Geheimnis, sondern machte aus einer bekannten und ausführlich berichteten Tatsache eine offiziell bestätigte Wahrheit:

Zusätzlich zu den Terroristen in Guantanamo wurde eine kleine Zahl von verdächtigten während des Krieges gefangen genommenen terroristischen Anführern und Agenten außerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika festgehalten und verhört, in einem eigenen Programm, durchgeführt von der Central Intelligence Agency ... Viele Einzelheiten dieses Programms, einschließlich der Orte, an denen diese Gefangenen angehalten wurden und der näheren Umstände ihrer Anhaltung, können nicht bekannt gegeben werden ...

Wir wussten, dass Abu Zubaydah über mehr Informationen verfügte, die unschuldige Leben retten konnten, aber er hörte auf zu reden ... Und so benutzte die CIA eine andere Art von Methoden. Diese Methoden waren so angelegt, dass sie sicher waren und unseren Gesetzen, unserer Verfassung und unseren vertraglichen Verpflichtungen entsprachen. Das Justizministerium überprüfte die genehmigten Methoden eingehend und stellte fest, dass sie den Gesetzen entsprachen. Ich kann diese besonderen Methoden nicht näher beschreiben - ich denke, Sie verstehen warum ...

Ich verfolgte an diesem Tag die Live-Übertragung und erinnere mich an das unheimliche Gefühl, das mich überkam, als ich, nachdem ich den Präsidenten gehört hatte, wie er die Vorzüge dieser "anderen Art von Methoden" erklärte, beobachtete, wie er gerade in die Kamera starrte und mit grimmiger Konzentration und gesteigertem Nachdruck einmal mehr sagte: "Die Vereinigten Staaten von Amerika foltern nicht. Das ist gegen unsere Gesetze und verstößt gegen unsere Werte. Ich habe das nicht genehmigt - und ich werde das auch nicht genehmigen." Er hat sich selbst überzeugt, dachte ich, dass das, was er sagte, der Wahrheit entspricht.

Ich glaube, dass diese Rede, obwohl damals nicht besonders beachtet, George W. Bushs wichtigste war: vielleicht die einzige "historische" Rede, die er jemals gehalten hat. Indem er seine Version der Geschichte Abu Zubaydahs und Versionen der Geschichten von Khaled Shaik Mohammed und anderer bekannt gab, widmete sich der Präsident vielen Dingen, die schon bekannt, aber nicht bestätigt waren und verwandelte sie durch den Zauber der Stimme des Führers in anerkannte Fakten. Indem er die "andere Art von Methoden" seiner Regierung glühend verteidigte und gleichermaßen glühend abstritt, dass es sich bei diesen um "Folter" handelte, führte er dem Land und der Welt die finstere moralische Verkommenheit der Bush-Administration vor Augen, in deren Schlingen wir noch immer gefangen sind. Später in diesem Monat segnete angesichts der nahenden Wahlen der Kongress anstandslos den Military Commissions Act 2006 des Präsidenten ab, in dem unter anderem auch vorgesehen war, dass diejenigen vor Verfolgung geschützt werden sollten, die die "andere Art von Methoden" praktiziert hatten , und das, wie der Präsident sagte, "in einer gründlichen und professionellen Art und Weise." 

Gleichzeitig eröffnete Präsident Bush, vielleicht unwissentlich, an diesem Tag denjenigen, die der "anderen Art von Methoden" unterzogen worden waren, die Möglichkeit, endlich zu sprechen. Als der Präsident dem Land seine Version dessen vorlegte, was mit Abu Zubaydah und den anderen geschah und argumentierte, dass das notwendig war, kündigte er an, dass er ihn und dreizehn seiner mitgefangenen "besonders wertvollen Häftlinge" aus der finsteren Welt der Verschwundenen ans Licht bringen werde. Oder besser gesagt ins Zwielicht: die vierzehn würden nach Guantánamo überstellt, in das wichtigste anerkannte Gefängnis in Übersee, wo - "sobald der Kongress meinen Vorschlag der Militärkommissionen annimmt" - sie "zur Rechenschaft gezogen werden können." Bis dahin würden die vierzehn allerdings in "einer Hochsicherheitseinrichtung in Guantánamo" festgehalten und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz würde "von ihrer Anhaltung verständigt werden und wird Gelegenheit haben, sich mit ihnen zu treffen."  

Ein paar Wochen später, vom 6. - 11. Oktober und ein weiteres Mal vom 4. - 14. Dezember, reisten Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz - die unter anderem die offizielle und gesetzliche Aufgabe haben, die Befolgung der Genfer Konvention zu prüfen und die Behandlung von Kriegsgefangenen zu überwachen - nach Guantánamo und begannen, "jede dieser Personen unter vier Augen" zu interviewen, um einen Bericht zu verfassen, der "eine Beschreibung der Behandlung und Haftbedingungen der vierzehn in der Zeit gibt, in der sie im CIA-Inhaftierungsprogramm angehalten wurden," Zeiten in der Dauer "von 16 Monaten bis fast viereinhalb Jahren."

Die IKRK-Interviewer informierten die Gefangenen, dass ihr Bericht nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen sei, aber "in dem Ausmaß, zu dem jeder Gefangene zustimmte, an die Behörden weitergeleitet werde," um unter striktester Geheimhaltung Vertretern der Regierungsabteilung übergeben zu werden, die für ihre Anhaltung zuständig war - in diesem Fall die Central Intelligence Agency CIA, an deren Leiter der Rechtsabteilung John Rizzo der Bericht am 14. Februar 2007 gesendet wurde. Obwohl nahezu alle Informationen in Verbindung mit Namen stehen und obwohl Anhänge ausführliche Geschichten enthalten, die den Interviews mit drei der Gefangenen entstammen, deren Namen genannt werden, finden wir in einer Anzahl von Fällen in dem Dokument Formulierungen wie: "Einer der Gefangenen, der seinen Namen gegenüber der Behörde nicht genannt haben will gab an ..." - was die Vermutung nahe legt, dass mindestens einer, vielleicht auch mehrere von den Vierzehn, die ja noch immer "in einer Hochsicherheitseinrichtung in Guantánamo festgehalten werden," Bedenken hatte wegen möglicher negativer Auswirkungen, die seine Angaben zur Folge haben könnten.

In praktisch all diesen Fällen glichen diese Angaben denen der anderen, namentlich genannten Gefangenen; nachdem die Gefangenen in "durchgehender Einzelhaft und ohne jede Möglichkeit der Kommunikation" die ganze Zeit in den "dunklen Orten" und nach ihrer Ankunft in Guantánamo strikt voneinander getrennt gehalten worden waren, macht es die verblüffende Ähnlichkeit ihrer Berichte bis in die kleinsten Details hinein extrem unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich, dass diese erfunden sind. "Das IKRK möchte besonders betonen," teilen uns die Autoren in der Einleitung mit, "dass die sich durchgehend einander gleichenden detaillierten Behauptungen jedes der Vierzehn der folgenden Information besonderes Gewicht verleiht."  

Das Ergebnis ist ein Dokument - klassifiziert als "vertraulich" und eindeutig nur bestimmt für die Augen der höheren amerikanischen Beamten, denen Herr Rizzo von der CIA es zeigen würde - das eine bestimmte Art von Geschichte erzählt, eine Geschichte darüber, was in den "dunklen Orten" geschah und eine genaue Beschreibung durch diejenigen, an denen praktiziert wurde, was der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika den Amerikanern als "andere Art von Methoden" beschrieben hat. Es ist ein Dokument, das man buchstäblich "nicht aus der Hand geben kann", von der ersten Seite an -

Inhalt
Einleitung
1. Hauptelemente des CIA-Anhalteprogramms
1.1 Arrest und Überstellung
1.2 Durchgehende Einzelhaft und Isolierung ohne Kommunikationsmöglichkeit
1.3 Andere Methoden der Misshandlung
1.3.1 Ersticken durch Wasser
1.3.2 Anhaltendes Stress-Stehen
1.3.3 Schläge unter Gebrauch eines Halsbandes
1.3.4 Schlagen und Stoßen
1.3.5 Einsperren in eine Kiste
1.3.6 Anhaltende Nacktheit
1.3.7 Schlafentzug und Einsatz lauter Musik
1.3.8 Aussetzen gegenüber kalten Temperaturen/kaltem Wasser
1.3.9 Anhaltender Gebrauch von Handschellen und Fesseln
1.3.10 Drohungen
1.3.11 Erzwungenes Rasieren
1.3.12 Entziehung/eingeschränkte Versorgung mit fester Nahrung
1.4 Weitere Elemente des Haftvollzugs ... 

- bis zu der sachlichen und unmissverständlichen Schlussfolgerung: 

Die Angaben der Gefangenen über schlechte Behandlung weisen darauf hin, dass es sich in vielen Fällen dieser Behandlung während ihrer Anhaltung im Rahmen des CIA-Programmes sowohl im Einzelenen als auch in der Gesamtheit um Folter handelte. Außerdem bilden viele weitere Elemente ihrer Behandlung, im Einzelnen wie im Gesamten den Tatbestand der grausamen, unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung.

Diese unbeirrbare Klarheit von Seiten der Einrichtung, die vom Gesetz her für die Überwachung der Einhaltung der Genfer Konvention zuständig ist - in der die Begriffe "Folter" und "grausame, unmenschliche und entwürdigende Behandlung" eine gesetzlich genau definierte Bedeutung haben - könnte nicht bezeichnender, oder in der Tat willkommener sein nach den Jahren, in denen der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika auf die Macht seines Amtes bauend relativ einfache Begriffe neu definiert oder vernebelt hat. "Zu dieser Debatte ist es gekommen," erklärte Präsident Bush Reportern im Rosengarten in der Woche nach seiner Rede im östlichen Saal,

aufgrund des Urteils des Obersten Gerichtshofs, das besagte, dass wir uns gemäß dem Artikel III der Genfer Konvention verhalten müssen. Und dieser Artikel III sagt, dass, Sie wissen, es keine Verstöße gegen die Würde des Menschen geben darf. Es ist wie - es ist sehr vage. Was heißt schon "Verstöße gegen die Würde des Menschen"? (5)

Indem er Abu Zubaydah und den anderen dreizehn "besonders wertvollen Gefangenen" die Möglichkeit bietet, ihre Geschichte zu erzählen, kann dieser Bericht mit großer Macht und Autorität die Antwort auf diese Frage des Präsidenten geben.


3.

Wir kehren zurück zu einem Mann, Abu Zubaydah, einem Palästinenser, der mit seinen 31 Jahren ein Leben hinter sich hat, das geprägt war durch Konflikte in den Randbereichen des amerikanischen Bewusstseins: im Gazastreifen, wo seine Eltern geboren waren; Riyadh in Saudiarabien, wo er offenbar das Licht der Welt erblickte; im von der Sowjetunion besetzten Afghanistan, wo er sich am Jihad gegen die Russen beteiligte, vielleicht mit direkter oder indirekter Hilfe amerikanischer Dollars; im postsowjetischen Afghanistan, wo er bei al Qaeda für Logistik und Rekrutierung zuständig war, wo er aufstrebende Jihadisten den verschiedenen Ausbildungslagern zuwies und nach der Ausbildung den Zellen zuteilte. Dieser Mann ist jetzt gefangengenommen worden: aufgespürt in einem sicheren Haus in Faisalabad, schwer verwundet durch drei Schüsse aus einer AK-47. Er wird in großer Eile ins Krankenhaus in Faisalabad eingeliefert, dann in das Militärspital in Lahore. Wie er seine Augen öffnet, erblickt er an der Seite seines Bettes einen Amerikaner, John Kiriakou von der CIA:  

Ich fragte ihn auf Arabisch nach seinem Namen. Er schüttelte seinen Kopf. Ich fragte ihn noch einmal auf Arabisch. Da antwortete er mir in Englisch. Und er sagte, dass er mit mir nicht in der Sprache Gottes sprechen werde. Da sagte ich: "Das ist o.k. Wir wissen, wer du bist."

Und dann bat er mich, ihn mit einem Kissen zu ersticken. Und ich sagte: "Nein, nein. Wir haben Pläne für dich." (6)

Kiriakou und die "kleine Gruppe von CIA- und FBI-Leuten, die ihn 24 Stunden am Tag 7 Tage in der Woche im Auge behielten" wussten, das Abu Zubaydah "der grösste Fisch war, den sie gefangen hatten. Wir wussten, dass er voller Informationen war ... und wir wollten diese herausbekommen." Laut Kiriakou waren an dem Tisch in dem Haus, in dem sie ihn fanden, "Abu Zubaydah und zwei Männer dabei, eine Bombe zu bauen. Der Lötkolben war noch heiß. Und die Pläne einer Schule lagen auf dem Tisch ..." Die Pläne, so sagte Kiriakou dem ABC News-Korrespondenten Brian Ross, waren die der britischen Schule in Lahore. Ihr Gefangener, so wussten sie, war "total auf dem Laufenden. Bestens informiert über die aktuellen Bedrohungen."

Mit Hilfe des amerikanischen Unfallchirurgen pflegten seine Häscher Abu Zubaydah wieder gesund. Er wurde mindestens zweimal verlegt, zuerst laut Berichten nach Thailand; dann, so glaubt er, nach Afghanistan, wahrscheinlich Bagram. In einem sicheren Haus in Thailand begann das Verhör:

Ich wachte auf, nackt, an ein Bett geschnallt, in einem sehr weißen Raum. Der Raum maß etwa 4m x 4m. Der Raum hatte drei feste Wände, die vierte Wand bestand aus Metallstangen, die ihn von einem größeren Raum trennten. Ich bin nicht sicher, wie lange ich in dem Bett blieb. Nach einiger Zeit, ich denke es waren einige Tage, kann mich aber nicht genau erinnern, wurde ich in einen Stuhl verlegt, auf dem ich an Händen und Füssen gefesselt die nächsten zwei bis drei Wochen verbringen musste, wie ich denke. In dieser Zeit bekam ich Blasen auf der Unterseite meiner Oberschenkel infolge des dauernden Sitzens. Ich durfte von dem Stuhl nur aufstehen, um meine Notdurft zu verrichten, wofür ein Eimer da war. Wasser um mich zu waschen bekam ich in einer Plastikflasche.

In den ersten zwei bis drei Wochen bekam ich keine feste Nahrung, solange ich auf dem Stuhl saß. Ich bekam nur Ensure (ein Ernährungspräparat) und Wasser zum Trinken. Zuerst musste ich vom Ensure erbrechen, das wurde mit der Zeit aber besser. 

Zelle und Raum waren klimatisiert und sehr kalt. Sehr laute Musik wurde durchgehend gespielt, in der viel geschrien wurde. Diese wurde alle Viertelstunden 24 Stunden am Tag wiederholt. Gelegentlich wurde die Musik abgedreht und durch lautes Zischen oder Krachen ersetzt.  

Die Wachen waren Amerikaner, trugen aber Masken, um ihre Gesichter zu verbergen. Meine Befrager trugen keine Masken.

In den ersten zwei bis drei Wochen wurde ich etwa eine bis zwei Stunden am Tag befragt. Die amerikanischen Vernehmungsbeamten kamen in den Raum und sprachen mit mir durch die Gitterstäbe der Zelle. Während der Befragung wurde die Musik abgedreht, ging aber danach wieder los. In den ersten zwei bis drei Wochen konnte ich überhaupt nicht schlafen. Wenn ich einschlief, kam einer der Wächter und spritzte mir Wasser in mein Gesicht. 

Ein nackter Mann, gefesselt in einem kleinen, sehr kalten, sehr weißen Raum ist einige Tage lang an ein Bett geschnallt, dann einige Wochen lang an einen Stuhl gefesselt, ununterbrochen in weißes Licht getaucht, durchgehend mit lautem Geräusch bombardiert, des Essens beraubt; und wenn nach Stunden und Tagen trotz Kälte, Licht, Lärm, Hunger seine Augenlider nach unten fallen, wird ihm kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt, um sie wieder nach oben zu zwingen.

Man kann diese Methoden in künstliche Begriffe kleiden: "Szenenwechsel." "Entfernung der Bekleidung." "Gebrauch von Stresshaltungen." "Manipulation der Nahrung." "Manipulation der Umgebung." "Schlafanpassung." "Isolierung." "Schlafentzug." "Gebrauch von Lärm zur Erzeugung von Stress." Alle diese Begriffe und noch viele weitere kann man zum Beispiel in Dokumenten finden, die in Zusammenhang mit der Debatte über Verhör und "Gegen-Widerstand" zwischen Beamten in Pentagon und Justizministerium ab Anfang 2002 stehen.  Hier finden wir allerdings einen anderen Standard: die Arbeitsgruppe sagt zum Beispiel, dass "Schlafentzug nicht länger als vier Tage dauern darf," dass "Manipulation der Nahrung keinen absichtlichen Entzug von Nahrung oder Wasser" beinhalten dürfe, dass "Entfernung der Bekleidung", soweit diese "ein Gefühl der Hilflosigkeit und Abhängigkeit erzeugt, überwacht werden muss, um sicher zu stellen, dass die Umgebung so beschaffen ist, dass diese Technik den Gefangenen nicht schädigt." (7) Hier sind wir an einem anderen Ort.  

Aber an was für einem Ort? Abu Zubaydah war nicht nur "der größte Fisch, den wir gefangen haben," sondern der erste große Fisch. Laut Kiriakou wollte Zubaydah, als es ihm wieder besser ging "über laufende Ereignisse sprechen. Er sagte uns des öfteren, dass er persönlich nichts gegen die Vereinigten Staaten von Amerika habe ... Er sagte, 9/11 sei notwendig gewesen. Obwohl er nicht glaubte, dass es so viele Tote geben würde, war seine Ansicht, dass 9/11 eine Warnung für die Vereinigten Staaten von Amerika sein sollte."

In den ersten Wochen seiner Genesung, vor dem weißen Raum und dem Stuhl und dem Licht, scheint Zubaydah frei mit den Beamten geredet zu haben, und in dieser Zeit begannen laut Medienberichten FBI-Agenten ihn zu befragen, indem sie "standardisierte Befragungstechniken" verwendeten, wobei sie sicher stellten, dass er gebadet und seine Verbände gewechselt wurden, bessere medizinische Versorgung anforderten und versuchten, ihn "zu überzeugen, sie wüssten über Deteils seiner Taten Bescheid" (zum Beispiel zeigten sie ihm "eine Schachtel mit Tonbändern, von denen sie behaupteten, sie enthielten Aufnahmen seiner Telefongespräche, obwohl diese leer waren.") Laut dieser Darstellung begann Abu Zubaydah in der ersten Zeit vor dem weißen Raum "geheimdienstlich verwertbare Einblicke in al Qaeda zu liefern." (8)

Oder tat er das wirklich? "Wie gut ist Abu Zubaydahs Information?" fragte ein Newsweek "Web exclusive" am 27. April 2002, weniger als einen Monat nach seiner Gefangennahme. Die extreme Geheimhaltung und Isolation, in der Abu Zubaydah gehalten wurde, verhinderte nicht, dass seine "Informationen" von diesem unbekannten Ort direkt an die amerikanische Presse gelangten - offensichtlich im Zuge eines bürokratischen Kampfes zwischen FBI und CIA. Sogar Amerikaner, die sich nicht besonders um die durchgesickerten Informationen von Zubaydahs Befragung kümmerten, wären draufgekommen, dass ihr Leben, ob sie es bemerkten oder nicht, von dem beeinflusst wurde, was in dem weit entfernten weißen Raum geschah. Zur gleichen Zeit erachtete die Bush-Administration es nämlich für notwendig, zwei "nationale Terrorismuswarnungen" herauszugeben, aufgrund von Abu Zubaydahs "Tipps" - über "mögliche Angriffe auf Banken oder Finanzinstitutionen im Nordosten der Vereinigten Staaten von Amerika" und mögliche "Angriffe auf U.S.-Supermärkte und Einkaufszentren." Wie Newsweek von "einem höheren U.S.-Beamten," vermutlich vom FBI - dessen "standardisierte Befragungstechniken" diese Information erbracht hatte und die die darauf beruhenden "nationalen Terrorismuswarnungen" - erfuhr, lieferte der Gefangene "detaillierte Informationen für den 'Kampf gegen den Terrorismus.'" Gleichzeitig möchten allerdings "U.S.-Geheimdienstkreise" - vermutlich CIA - "gerne wissen, ob er versucht, die Vernehmungsbeamten zu täuschen oder der amerikanische Öffentlichkeit einen Schrecken einzujagen." (9)

Für seinen Teil, so sagte John Kiriakou, der CIA-Agent ABC-News, wollte Zubaydah in diesen ersten Wochen "über Philosophie reden, aber uns keine verwertbaren Informationen geben." Die CIA-Beamten hatten die "geheime Generalvollmacht, unterschrieben von Herrn Bush," die ihnen gestattete, "Terrorismusverdächtige festzunehmen, festzuhalten und zu verhören," und Zubaydah "war ein Testfall für eine sich entwickelnde neue Rolle, ... in der die Agentur als Kerkermeister und Befrager von Terrorismusverdächtigen tätig sein sollte." Schließlich wurde ein Team der Antiterrorismuszentrale der CIA "von Langley geschickt" und die Vernehmungsbeamten des FBI wurden zurückgezogen.

Wir hatten diese ausgebildeten Vernehmungsbeamten, die an den Ort seiner Anhaltung gesendet worden waren, um die verbesserten Methoden so weit wie notwendig anzuwenden, um ihn zum Sprechen zu bringen und Informationen über Bedrohungen zu liefern ... Diese verbesserten Techniken umfassten alles vom Beuteln, wo man die Person an den Rockaufschlägen packt und schüttelt, die ganze Galerie hindurch bis zum anderen Ende, der Wasserfolter ("Waterboarding").

Offenbar begannen sie damit, indem sie ihn an den Stuhl fesselten und Licht, Lärm und Wasser einsetzten, um ihn wach zu halten. Nach zwei oder drei Wochen dieser Behandlung durfte sich Abu Zubaydah, noch immer nackt und gefesselt, auf den bloßen Boden legen und "ein bisschen schlafen." Er bekam auch zum erstenmal feste Nahrung - Reis. Schliesslich kam eine Ärztin und untersuchte ihn, und "fragte, warum ich noch immer nackt sei." Am nächsten Tag "bekam er orange Kleider zum Anziehen." Am folgenden Tag, allerdings, "kamen Wächter in meine Zelle. Sie befahlen mir aufzustehen und die Arme über den Kopf zu heben. Sie schnitten mir daraufhin die Kleider vom Leib, so dass ich wieder nackt war und setzten mich für einige Tage auf den Stuhl. Ich versuchte, auf dem Stuhl zu schlafen, wurde aber wach gehalten durch Wächter, die Wasser in mein Gesicht spritzten."

Es folgt eine verwirrende Zeit, in der sich raue Behandlung mit etwas milderer abwechselten. Zubaydah war meistens nackt in der Kälte, "manchmal war die Klimaanlage so eingestellt, dass Herr Zubaydah blau zu werden schien, sagte ein Beamter." (10) Manchmal wurde Kleidung gebracht, dann am nächsten Tag wieder weggenommen. "Wenn meine Vernehmungsbeamten den Eindruck hatten, dass ich kooperierte und ihnen die Informationen gab, die sie haben wollten, bekam ich das Gewand zurück. Wenn sie glaubten, dass ich weniger kooperativ war, wurde das Gewand wieder entfernt und ich wurde wieder zurück auf den Stuhl gebracht." Bei einer Gelegenheit bekam er eine Matratze, bei einer anderen wurde ihm "der Gebrauch von Toilettenpapier genehmigt, wenn er auf dem Eimer seine Notdurft verrichtete." Einen Monat lang gab es keine Befragung. "Meine Zelle war noch immer sehr kalt. Die laute Musik wurde nicht mehr gespielt, dafür aber andauerndes lautes Zischen und Krachen, 24 Stunden am Tag. Ich versuchte, mich vor dem Lärm durch Toilettenpapier zu schützen, das ich mir in meine Ohren stopfte." Dann, "etwa zweieinhalb oder drei Monate nach meiner Ankunft hier begannen die Verhöre wieder, aber mit größerer Intensität als davor."  

Es ist schwer zu wissen, ob diese Änderungen in Verhalten und Vorgangsweise beabsichtigt waren, um den Gefangenen im Ungewissen zu lassen, oder ob sie aus Unstimmigkeiten über die Strategie unter den Vernehmungsbeamten resultierten, die sich an eine eilig zusammengestellte "andere Art von Methoden" hielten, die aus verschiedenen Quellen improvisiert wurde, einschließlich Wissenschaftlern und Psychiatern aus den Reihen des Geheimdiensts, Experten von anderen "freundlichen" Regierungen, und Beratern, die mit dem U.S.-Militär gearbeitet hatten und nun das Widerstandstraining "umpolten", dem amerikanische Eliteeinheiten unterzogen werden, damit sie Verhören nach einer Gefangennahme besser widerstehen können. Die Vorgänger einiger der Theorien, die in diesen Verhören zur Anwendung kamen, einschließlich sensorischer Deprivation, Desorientiertheit, Schuld und Scham, sogenannter "gelernter Hilflosigkeit" und dem Erfordernis, "den Erschöpfungs-Abhängigkeits-Furcht-Zustand" herbeizuführen, können in CIA-Dokumenten gefunden werden, die bereits vor fast einem halben Jahrhundert verfasst worden waren, wie etwa folgendes aus dem berüchtigten Handbuch "Vernehmung bei Gegenspionage" aus den frühen 1960ern: 

Die Umstände der Inhaftierung werden so gestaltet, dass in dem Subjekt die Gefühle verstärkt werden, vom Bekannten und Beruhigenden abgeschnitten  und dem Unbekannten ausgeliefert zu sein ... Die Kontrolle der Umgebung der Informationsquelle erlaubt es dem Vernehmungsbeamten, dessen Nahrung, Schlafmöglichkeiten und andere grundlegende Dinge zu bestimmen. Gestaltet man diese so unregelmäßig, dass das Subjekt die Orientierung verliert, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit Gefühle von Angst und Hilflosigkeit erzielen." (11)

In einer späteren Ausgabe dieses Handbuches wird die Bedeutung der Schuld betont: "Wenn der 'Befrager' diese Schuldgefühle verstärken kann, wird das die Angst des Subjekts steigern und dessen Drang zur Zusammenarbeit, als Möglichkeit zu entkommen." Isolierung und sensorische Deprivation "erzeugen Regression" und den "Verlust jener Verteidigungsstrategien, die sich zivilisierte Menschen in jüngster Zeit angeeignet haben," während das Aufzwingen von "Stresspositionen", die letztlich das Subjekt zwingen, "sich selbst zu verletzen," ein Schuldgefühl hervorrufen wird, das zu einem unwiderstehlichen Verlangen führt, mit seinen Befragern zu kooperieren. 


4.

Zweieinhalb Monate nachdem Abu Zubaydah aufwachte, an ein Bett im weißen Raum geschnallt, ging die Befragung "mit größerer Intensität als zuvor" weiter:

Zwei schwarze Holzkisten wurden in den Raum vor meiner Zelle gebracht. Eine war hoch, etwas höher als ich und schmal, maß ca. 110 x 75 cm und war ca. 200 cm hoch. Die andere war niedriger, vielleicht nur 110 cm hoch. Ich wurde aus meiner Zelle geholt und einer der Vernehmungsbeamten wickelte ein Handtuch um meinen Hals, das sie dann verwendeten, um mich herumzuschwingen und mich immer wieder gegen die harten Wände des Raums zu schleudern. Ich wurde auch wiederholt ins Gesicht geschlagen.

Anschließend wurde ich in die höhere Kiste gesteckt, ich glaube etwa eineinhalb oder zwei Stunden lang. Die Kiste war innen wie außen total schwarz ... Sie legten ein Tuch oder eine Abdeckung über die Außenseite der Kiste, um das Licht draußen zu halten und meine Luftzufuhr einzuschränken. Es war schwer zu atmen. Als ich aus der Kiste heraus gelassen wurde sah ich, dass eine der Mauern des Raums mit einer Spanplattenschalung versehen worden war. Von da an war es diese Wand, gegen die ich mit dem Handtuch um meinen Hals geschleudert wurde. Die Vernehmungsbeamten waren draufgekommen, dass es wahrscheinlich bald zu Verletzungen kommen würde, wenn sie mich gegen die harte Wand schlugen.

Man sei hier daran erinnert, dass Abu Zubaydah mit seinen Vernehmungsbeamten nicht allein war, dass jeder in diesem weißen Raum - Wächter, Befrager, Arzt - direkt und fast durchgehend mit höheren Geheimdienstbeamten auf der anderen Seite der Erde verbunden war. "Es war nicht Sache der einzelnen Vernehmungsbeamten zu entscheiden, 'Jetzt schlage ich ihn. Oder ich werde ihn jetzt schütteln. Oder ich lasse ihn jetzt 48 Stunden lang stehen," sagte John Kiriakou.

Jeder dieser Schritte … musste die Genehmigung des stellvertretenden Direktors für den operativen Betrieb haben. Ehe du Hand an ihn legtest, musstest du das Telegramm mit der Mitteilung schicken: "Er ist nicht kooperativ. Ersuche um Genehmigung X zu tun." Und diese Genehmigung kam ... Der telegrafische Verkehr hin und zurück war extrem präzise. Nach dem 9/11 hatte die Agentur mit sehr ungewöhnlichen Autoritäten zu tun. Keiner wollte sich's mit diesen vertun. Niemand wollte Schwierigkeiten bekommen, indem er zu weit ging ... Niemand wollte derjenige sein, der versehentlich einem Gefangenen dauenden Schaden zufügte.

Gegen harte Mauern schleudern, ehe Zubaydah in die große schwarze sargähnliche Kiste gesteckt wird; plötzliches Auftauchen einer Spanplattenverschalung an der Wand, an die er geschleudert wird, nachdem er aus der Kiste geholt worden ist. Vielleicht hat der stellvertretende Direktor für den operativen Betrieb, nachdem er über diese Angelegenheit in seinem Büro in Langley, Virginia nachgedacht hat, die Spanplatten empfohlen? 

Oder vielleicht war es jemand höherer? Kurz nach der Gefangennahme Abu Zubaydahs informierten laut ABC News CIA-Beamte "hochstehende Funktionäre im Vorstand des Nationalen Sicherheitsrats," einschließlich Vizepräsident Dick Cheney, nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und Justizminister John Ashcroft, die "anschließend den [Vernehmungs] Plan unterzeichneten." Zu dieser Zeit, im Frühjahr und Sommer 2002, war die Administration dabei, den, wie es manche bezeichneten "Goldenen Schild" des Justizministeriums zu entwickeln - die rechtliche Begründung, enthalten in dem infamen "Foltermemorandum", verfasst von John Yoo und unterschrieben von Jay Bybee im August 2002, in dem behauptet wurde, dass die "andere Art von Methoden", um als Folter und damit als illegal qualifiziert zu werden, Schmerzen verursachen müsse, "die in Verbindung stehen müssten mit schweren physischen Verletzungen, so schwer, dass Tod, Versagen von Organen oder bleibender Schaden, der zum Verlust einer wichtigen Körperfunktion führt, die wahrscheinliche Folge sein würden." Der "Goldene Schild" sollte vermutlich CIA-Beamte vor Strafverfolgung bewahren. Dennoch brachte der Direktor der CIA George Tenet den höchsten Rängen der Regierung regelmäßig spezifische Prozeduren zur Kenntnis, die an besonderen Gefangenen eingesetzt werden sollten - "sei es, dass diese geschlagen, gestoßen, am Schlafen gehindert oder der Wasserfolter unterzogen wurden" - um sich zu vergewissern, dass diese legal seien. Laut dem ABC-Bericht waren die Besprechungen mit Vorgesetzten so detailliert und häufig, dass "einige der Verhörsitzungen nahezu choreographiert waren." Bei einem solchen Treffen soll der damalige Justizminister John Ashcroft seine Kollegen gefragt haben: "Warum reden wir über das im Weißen Haus? Die Geschichte wird das nicht freundlich beurteilen." (12)

Wir wissen nicht, ob die Spanplatten in Zubaydahs weißem Raum den Anweisungen seiner Vernehmungsbeamten, deren Chefs in Langley oder vielleicht deren Vorgesetzten im Weißen Haus zu verdanken sind. Wir wissen nicht genau, wer von den Verantwortlichen welche Rolle bei der "Choreographie" der "anderen Art von Methoden" gespielt hat. Wir wissen aus verschiedenen Berichten, dass bei einem Treffen im Weißen Haus im Juli 2002 Spitzenjuristen der Regierung der CIA "grünes Licht" gaben, zu den "aggressiveren Techniken" überzugehen, die dann an ihm, einzeln und zusammen in den folgenden Tagen angewendet wurden:

Nach den Schlägen wurde ich in die kleine Kiste gesteckt. Sie deckten diese mit einem Tuch oder mit einer Decke ab, um alles Licht draußen zu halten und meine Luftzufuhr einzuschränken. Da diese nicht hoch genug war, um aufrecht sitzen zu können, musste ich mich niederkauern. Es war sehr schwierig wegen meiner Wunden. Die Belastung meiner Beine durch diese Position führte zu starken Schmerzen im Bein und im Magen. Ich glaube, das war etwa drei Monate nach meiner letzten Operation. Es war immer kalt in dem Raum, aber wenn sie die Kiste abdeckten, wurde es darin heiß und schweißtreibend. Die Wunde an meinem Bein ging auf und begann zu bluten. Ich weiß nicht, wie lange ich in der kleinen Kiste blieb, ich glaube ich habe geschlafen oder wurde vielleicht ohnmächtig.

Ich wurde dann aus der kleinen Kiste gezerrt, nicht imstande, zu gehen, und auf eine Art Spitalsbett gelegt und mit Riemen sehr fest angeschnallt. Ein schwarzes Tuch wurde über mein Gesicht gelegt und die Vernehmungsbeamten gossen Wasser aus einer Mineralwasserflasche über das Tuch, so dass ich nicht atmen konnte. Nach ein paar Minuten wurde das Tuch entfernt und das Bett wurde in eine aufrechte Position gedreht. Der Druck der Riemen auf meine Wunden war sehr schmerzhaft. Ich erbrach mich. Das Bett wurde wieder in die horizontale Position gebracht und die gleiche Folter wurde wieder angewendet mit dem schwarzen Tuch über meinem Gesicht und Wasser, das aus einer Flasche darüber ausgeleert wurde. Dieses Mal war mein Kopf in einer weiter nach unten geneigten Position und das Ausleeren des Wassers dauerte länger. Ich kämpfte gegen die Riemen beim Versuch zu atmen, aber es war hoffnungslos. Ich dachte ich müsste sterben. Ich verlor die Kontrolle über meinen Urin. Seit damals verliere ich die Kontrolle über meinen Urin, wenn ich unter Stress stehe. 

Danach wurde ich wieder in die hohe Kiste gesteckt. Während ich drinnen war, wurde wieder laute Musik gespielt und jemand klopfte ständig auf die Kiste. Ich versuchte mich auf den Boden zu setzen, aber wegen des kleinen Raums fiel der Eimer mit dem Urin um und floss über mich ... Ich wurde dann herausgeholt und wieder wurde ein Handtuch um meinen Hals gewickelt und ich wurde gegen die Wand mit den Spanplatten geschleudert und wiederholt von den beiden Vernehmungsbeamten ins Gesicht geschlagen.

Ich musste mich dann auf den Boden setzen mit einem schwarzen Sack über meinem Kopf, bis die nächste Runde der Folter begann. Der Raum war immer sehr kalt.

Das ging so ungefähr eine Woche lang. In dieser Zeit wurde die ganze Prozedur fünfmal wiederholt. Bis auf einmal wurde ich jedesmal einmal oder zweimal erstickt und dazwischen auf dem Bett in die vertikale Position gebracht. Einmal wurde die Erstickung dreimal wiederholt. Ich erbrach mich jedesmal, wenn ich zwischen den Erstickungen in die vertikale Position gebracht wurde. 

In dieser Woche bekam ich keine feste Nahrung. Ich bekam nur Ensure zu trinken. Mein Kopf und Bart wurden täglich rasiert.

Verschiedene Male brach ich zusammen und verlor das Bewusstsein. Letzten Endes wurde die Folter durch die Intervention des Arztes beendet.

In dieser Zeit wurde mir gesagt, dass ich einer der ersten sei, an denen diese Verhörtechniken angewendet wurden, es gab also keine Regeln. Es sah so aus, als experimentierten sie und probierten Techniken aus, die später an anderen Menschen angewendet werden sollten.


5.

Alle Hinweise aus dem IKRK-Bericht legen nahe, dass Abu Zubaydahs Informant ihm die Wahrheit gesagt hat: er war der erste, und somit ein Versuchskaninchen. Einige Techniken werden gestrichen. Die sargähnlichen schwarzen Kisten zum Beispiel, kaum groß genug für einen Menschen, die eine sechs Fuß hoch, die andere kaum mehr als drei Fuß, die an die Tanks erinnern, in denen in früheren von der CIA finanzierten Experimenten die sensorische Deprivation ausprobiert wurde, werden nicht wieder verwendet. Auch nicht das "Langzeit-Sitzen" - Wochen lang, an einen Stuhl gefesselt - mit dem Abu Zubaydah in den ersten Monaten gefoltert wurde.

Andererseits zieht sich Nacktheit durch den IKRK-Bericht, wie auch durchgehende Fesselung, die "kalte Zelle" und unaufhörliche laute Musik oder Lärm. Manchmal gibt es 24 Stunden Licht, manchmal ständige Finsternis. Auch Schläge und Schleudern gegen die Wände scheinen favorisierte Prozeduren zu sein; oft tragen die Vernehmungsbeamten Handschuhe. 

Bei späteren Verhören tauchen neue Techniken auf, von denen "Langzeit-Stehen" und der Einsatz von kaltem Wasser hervorzuheben sind. Walid Bin Attash, ein Yemenit, der an der Planung der Attacken auf die U.S.-Botschaften in Afrika 1998 und auf die USS Cole 2000 beteiligt war, wurde am 29. April 2003 in Karachi gefangen genommen: 

Bei der Ankunft am Haftort wurde ich nackt ausgezogen. Die folgenden zwei Wochen blieb ich nackt. Ich wurde in eine Zelle gesteckt, die ungefähr 2 x 1 m maß. Ich musste stehen, Füße flach auf dem Boden, die Arme über dem Kopf mit Handschellen und einer Kette an einer Metallstange befestigt, die über die Decke der Zelle verlief. Die Zelle war dunkel, ohne künstliches oder natürliches Licht.   

In den ersten zwei Wochen bekam ich keine Nahrung. Sie gaben mir nur Ensure und Wasser zu trinken. Ein Wächter kam und hielt mir die Flasche an den Mund, während ich trank ... Ein Eimer in der Zelle diente als Toilette ... Ich durfte mich nach Verrichtung der Notdurft nicht reinigen. Laute Musik spielte 24 Stunden am Tag die drei Wochen hindurch, die ich dort verbrachte.

Dieses "Zwangs-Stehen" mit über dem Kopf gefesselten Armen, eine besonders häufig in Sowjetzeiten angewendete Technik (stoika), die sich als Standard nach Abu Zubaydah etabliert zu haben scheint, erwies sich als besonders schmerzhaft für Bin Attash, der bei Kämpfen in Afghanistan ein Bein verloren hatte: 

Nach einiger Zeit in dieser Stellung begann mein Stumpf zu schmerzen, so dass ich die Prothese entfernte, um die Schmerzen loszuwerden. Natürlich begann dann mein gutes Bein zu schmerzen und gab bald nach, so dass ich mit meinem ganzen Gewicht auf meinen Handgelenken hing. Ich rief nach Hilfe, aber  niemand kam. Endlich kam nach etwa einer Stunde ein Wächter und die Prothese wurde mir angelegt, worauf ich wieder die stehende Position mit über den Kopf gefesselten Händen einnehmen musste. In der Folge nahmen mir die Vernehmungsbeamten einige Male absichtlich mein künstliches Bein ab, um dieser Stellung eine zusätzliche Belastung  hinzuzufügen ...

Nach seinen Angaben musste Bin Attash zwei Wochen in dieser Stellung verbringen - "mit Ausnahme von etwa zwei, drei Mal, wo ich mich hinlegen durfte." Obwohl "die angewendeten Methoden speziell daraufhin konzipiert waren, keine Spuren zu hinterlassen," schnitten die Handschellen "in meine Handgelenke und verursachten Wunden. In diesem Fall wurde der Arzt gerufen." An einem zweiten Ort, wo Bin Attash wieder nackt ausgezogen und "in einer stehenden Position mit den Armen über dem Kopf mit Handschellen und einer Kette an einen Metallring in der Decke gefesselt" wurde, untersuchte ein Arzt täglich seinen Fuß - "mit einem Maßband, um Anzeichen für eine Schwellung festzustellen."

Ich kann mich nicht erinnern, wieviele Tage genau ich stehen musste, aber ich denke es waren etwa zehn Tage … Während des Stehens musste ich eine Windel tragen. Einige Male wurde die Windel nicht ersetzt und ich musste meine Notdurft über mich selbst verrichten. Ich wurde täglich mit kaltem Wasser gewaschen.

Kaltes Wasser wurde bei Bin Attash angewendet in Verbindung mit Schlägen und dem Gebrauch einer Halsmanschette, offenbar einer Weiterentwicklung des Handtuchs, das um Abu Zubaydahs Hals gewickelt wurde:  

In den ersten zwei Wochen wurde ich bei den Verhören jeden Tag ins Gesicht geschlagen und in den Körper geboxt. Das machte ein Vernehmungsbeamter, der Handschuhe trug ...

Ebenfalls täglich in den ersten zwei Wochen wurde eine Manschette um meinen Hals gelegt und dazu benützt, mich gegen die Wände des Verhörraums zu schleudern. Diese wurde mir auch angelegt, wenn ich aus meiner Zelle zum Verhör geholt wurde und wurde benützt, um mich durch den Korridor zu führen. Sie wurde auch benützt, um mich bei solchen Gelegenheiten gegen die Wände des Korridors zu schleudern.

Ebenfalls jeden Tag in den ersten beiden Wochen musste ich mich auf eine Plastikplane auf dem Boden legen, deren Ecken dann gehoben wurden. Mit Eimern wurde kaltes Wasser auf meinen Körper geschüttet ... Ich wurde in die Plane mit kaltem Wasser eingewickelt und musste dort einige Minuten verbleiben. Danach wurde ich zum Verhör gebracht ...

Bin Attash bemerkt, dass an dem "zweiten Ort meiner Anhaltung" - wo er in die Windel gesteckt wurde - sie "besser ausgestattet waren als in Afghanistan, da sie einen Schlauch hatten, mit dem sie mich abspritzten."


6.

Aus diesen Berichten wird eine klare Methode ersichtlich, basierend auf erzwungener Nacktheit, Isolierung, Bombardierung mit Lärm und Licht, Schlaf- und Nahrungsentzug und wiederholten Schlägen und "An-die-Wand-Schleuderungen" - obwohl anhand dieses Grundmodells die Entwicklung der Methoden erkennbar ist, zum Beispiel von erzwungenem Sitzen zu erzwungenem Stehen, sowie die Einführung neuer Elemente wie Eintauchen in kaltes Wasser.

Khaled Shaik Mohammed, der Hauptplaner der 9/11-Attacken, der am 1. März 2003 in Rawalpindi gefangen genommen wurde - neun der vierzehn "besonders wertvollen Gefangenen" wurden in Pakistan festgenommen - und nach zweitägiger Haft in Pakistan, während der ihn "ein CIA-Agent einige Male in den Bauch und ins Gesicht boxte, ihn zu Boden stieß und in sein Gesicht trat," wie er sagte, wurde mit den üblichen "Überstellungsmethoden" nach Afghanistan verlegt. ("Meine Augen wurden mit einem Tuch verbunden, das um meinen Kopf gelegt und befestigt wurde und darüber ein Stoffsack gezogen. Ein Suppositorium wurde in mein Rectum gesteckt. Mir wurde nicht gesagt, wofür das Suppositorium gut war.") In Afghanistan wurde er nackt ausgezogen und in eine kleine Zelle gesteckt, wo er "mit meinen Händen gefesselt und an eine Stange über meinem Kopf gekettet stehen musste. Meine Füße waren flach auf dem Boden." Nach etwa einer Stunde,  

wurde ich in einen anderen Raum gebracht, wo ich etwa zwei Stunden lang während der Befragung auf Zehenspitzen stehen musste. Schätzungsweise dreizehn Personen waren in dem Raum, darunter der leitende Vernehmungsbeamte (ein Mann) und zwei weibliche Vernehmungsbeamtinnen, sowie etwa zehn maskierte Muskelmänner. Ich glaube, dass sie alle Amerikaner waren. Von Zeit zu Zeit schlug mich einer der Muskelmänner auf die Brust oder in den Magen. 

Diese "Paradeuniform"-Verhöre - bei denen der Gefangene nackt, auf Zehenspitzen, inmitten eines Rudels von dreizehn Leuten steht, darunter "zehn maskierte Muskelmänner" - wurden von Zeit zu Zeit unterbrochen durch die Verbringung des Gefangenen in einen abgetrennten Raum für zusätzliche Prozeduren:

Hier wurde ich etwa vierzig Minuten lang mit kaltem Wasser aus Kübeln übergossen. Nicht durchgehend, da die Kübel immer wieder gefüllt werden mussten. Danach wurde ich wieder in den Verhörraum gebracht.  

Einmal wurde mir während des Verhörs Wasser zum Trinken angeboten, und als ich das verweigerte wurde ich wieder in einen anderen Raum gebracht, wo ich gezwungen wurde, mich auf den Boden zu legen, wo mich drei Personen festhielten. Ein Schlauch wurde in meinen Anus eingeführt und Wasser hineingeleert. Danach wollte ich die Toilette benützen, da ich ein Gefühl hatte, als hätte ich Durchfall. Das wurde mir verboten und erst nach vier Stunden bekam ich einen Eimer, den ich benutzen durfte. 

Immer, wenn ich in meine Zelle zurückgebracht wurde, musste ich stehen mit gefesselten und an eine Stange über meinem Kopf geketteten Händen.

Nach drei Tagen in - wie er glaubt - Afghanistan wurde Mohammed wieder in einen Trainingsanzug gesteckt, bekam die Augen verbunden und einen Sack über den Kopf, und Kopfhörer, und wurde gefesselt und an Bord eines Flugzeugs "sitzend, zurückgelehnt, mit gefesselten Händen und Fußgelenken in einem hohen Sessel" untergebracht. Er schlief schnell ein - "der erste richtige Schlaf nach mehr als fünf Tagen" - und kann nicht sagen, wie lange die Reise dauerte. Bei der Ankunft stellte er jedenfalls fest, dass er einen langen Weg hinter sich hatte:

An einem Punkt konnte ich sehen, dass der Boden mit Schnee bedeckt war. Alle trugen Schwarz, mit Masken und Militärstiefeln, wie Leute von Planet-X. Ich glaube, dass dieses Land Polen war. Ich nehme das an, weil ich bei einer Gelegenheit eine Wasserflasche bekam, von der das Etikett nicht entfernt war. Darauf stand eine e-mail-Adresse, die auf ".pl" endete.

Er wurde entkleidet und in eine kleine Zelle gesteckt "mit Kameras, mit denen ich, wie mir später ein Vernehmungsbeamter sagte, 24 Stunden am Tag von einem Arzt, Psychologen und Vernehmungsbeamten überwacht wurde." Er glaubt, dass die Zelle unter der Erdoberfläche lag, weil man Stiegen hinunter steigen musste, um dorthin zu kommen. Die Wände waren aus Holz und sie maß etwa 3 x 4 m.

Wie Mohammed sagte, war es dieser Ort, an dem "die brutalsten Verhören stattfanden, unter der Leitung von drei erfahrenen CIA-Vernehmungsbeamten, alle über 65 Jahre alt und alle stark und gut ausgebildet." Sie informierten ihn, dass sie "grünes Licht aus Washington" bekommen hätten, ihm "eine harte Zeit" zu geben." "Sie benutzten nie das Wort 'Folter' und sprachen nie von 'physischem Druck,' sondern nur von 'einer harten Zeit.' Ich wurde nie mit dem Tod bedroht, in der Tat sagten sie mir, sie würden mir nicht erlauben zu sterben, aber sie würden mich 'an den Rand des Grabes und zurück'" bringen.   

In dieser Zelle musste ich einen Monat stehend mit über dem Kopf gefesselten Händen und an den Boden gefesselten Füßen verbringen. Natürlich schlief ich in diesem Monat in dieser Stellung einige Male ein. Nachdem dann mein ganzes Gewicht auf meinen Handgelenken in den Handschellen lastete, führte das zu offenen blutenden Wunden. [Entsprechende Narben an beiden Hand- und an beiden Fußgelenken waren vorhanden.] Beide Füße waren sehr angeschwollen nach einem Monat fast ununterbrochenen Stehens. (13)

Zu Verhören wurde Mohammed in einen anderen Raum gebracht. Die Verhöre dauerten bis zu acht Stunden und waren nicht kürzer als vier Stunden.

Die Zahl der anwesenden Personen war von Tag zu Tag sehr verschieden. Manchmal waren auch andere Vernehmungsbeamte, einschließlich Frauen, anwesend ... Normalerweise war auch ein Arzt anwesend. Wenn sie den Eindruck hatten, dass ich nicht kooperierte, stellten sie mich an eine Wand und boxten und schlugen mich an Körper, Kopf und Gesicht. Es wurde auch eine dicke flexible Plastikmanschette um meinen Hals gelegt, die an beiden Enden von einem Wächter gehalten werden konnte, der mich damit wiederholt gegen die Wand schleuderte. Die Schläge wurden kombiniert mit dem Gebrauch von kaltem Wasser, mit dem ich aus einem Schlauch angespritzt wurde. Während des ersten Monats gab es jeden Tag Schläge und kaltes Wasser. 

Wie Abu Zubaydah: wie Abdelrahim Hussein Abdul Nashiri, ein Saudiaraber, der in Dubai im Oktober 2002 festgenommen wurde, wurde Mohammed auch der Wasserfolter ("Waterboarding") unterzogen, seinen Angaben nach bei fünf Gelegenheiten:

Ich wurde an ein Spezialbett geschnallt, das auch in eine senkrechte Position gedreht werden konnte. Ein Tuch wurde über mein Gesicht gelegt. Kaltes Wasser aus einer Flasche, die in einem Kühlschrank aufbewahrt worden war, wurde dann von einem der Wächter auf das Tuch gegossen, so dass ich nicht atmen konnte ... Das Tuch wurde dann weggenommen und das Bett in eine senkrechte Lage gebracht. Dieser Vorgang wurde etwa eine Stunde lang wiederholt. Da ich mich in Panik zu wehren versuchte, da ich keine Luft bekam, führte das auch zu Verletzungen an Handgelenken und Knöcheln. Auch weibliche Vernehmungsbeamtinnen waren anwesend ... und ein Arzt war immer anwesend, der stand zwar außer Sichtweite hinter dem Kopfende des Bettes, aber ich sah ihn, wenn er kam und eine Klammer an meinem Finger befestigte, die mit einer Maschine verbunden wurde. Ich nehme an, das diente dazu, um meinen Puls und den Sauerstoffgehalt in meinem Blut zu messen. So konnten sie mich an die Zerreissgrenze bringen. 

Wie bei Zubaydah beinhalteten die brutalsten Verhöre die "andere Art von Methoden" in einer bestimmten Abfolge und Kombination, wobei eine Technik die Effekte der anderen verstärkte: 

Die Schläge wurden schlimmer und Wächter bespritzten mich mit kaltem Wasser aus einem Schlauch während ich noch in meiner Zelle war. Der schlimmste Tag war, als ich etwa eine halbe Stunde lang von einem der Vernehmungsbeamten geschlagen wurde. Mein Kopf wurde so hart gegen die Wand geschlagen, dass er zu bluten begann. Kaltes Wasser wurde über meinen Kopf geschüttet. Das gleiche wiederholte sich mit anderen Vernehmungsbeamten. Schließlich wurde ich der Wasserfolter unterzogen. Die Folterungen an diesem Tag wurden letztlich nach einer Intervention des Arztes beendet. Ich durfte etwa eine Stunde lang schlafen und wurde dann in meine Zelle zurückgebracht, wo ich wieder stehen musste, die Hände über den Kopf gefesselt.

Bei der Lektüre des IKRK-Berichtes gewöhnt man sich irgendwann einmal an die "andere Art von Methoden", die hier beschrieben wird: die kalte und wiederholte Gewalt stumpft ab. Gegen diesen Hintergrund gewinnen auch die Schilderungen des Alltagslebens der Gefangenen in den dunklen Orten, in denen die Verhöre eine blosse periodische Anhäufung von durchgehend zugefügter Brutalität zu sein scheinen, an Bedeutung. Hier wieder Mohammed:

Nach jeder Foltersitzung wurde ich in eine Zelle gebracht, wo mir gestattet wurde, mich auf den Boden zu legen, wo ich ein paar Minuten lang schlafen konnte. Durch die Fesseln an meinen Hand- und Fußgelenken konnte ich allerdings nie gut schlafen ... Die Toilette bestand aus einem Eimer in der Zelle, den ich auf Ersuchen benutzen konnte [er war stehend gefesselt, die Hände an der Decke befestigt], aber ich durfte mich nach der Verrichtung der Notdurft im ersten Monat nicht reinigen ... Im ersten Monat bekam ich keine Nahrung außer bei zwei Gelegenheiten als Belohnung für anerkannte Kooperation. Ich bekam alle vier Stunden Ensure zu trinken. Wenn ich mich das zu trinken weigerte, wurde mein Mund vom Wächter mit Gewalt geöffnet und es wurde mit Gewalt in meine Kehle geschüttet ... Zur Zeit meiner Gefangennahme wog ich 78 kg. Nach einem Monat Gefangenschaft betrug mein Gewicht 60 kg. 

Im ersten Monat bekam ich keinerlei Bekleidung. Künstliches Licht war 24 Stunden am Tag an, aber ich sah nie Tageslicht.

 

7.

Frage: "Herr Präsident, … das ist eine moralische Frage: ist Folter jemals gerechtfertigt?

Präsident George W. Bush: Sehen Sie, ich sage es einmal mehr ... Vielleicht mache ich mich besser verständlich. Unsere Leute sind angewiesen, sich an das Gesetz zu halten. Das sollte Sie beruhigen. Wir sind eine Nation des Gesetzes. Wir halten uns an die Gesetze. Wir haben die Gesetze in Bücher geschrieben. Sie können diese Gesetze nachlesen, und das sollte Sie beruhigen.

-Sea Island, Georgia, June 10, 2004

Abu Zubaydah, Walid Bin Attash, Khaled Shaik Mohammed - diese Männer haben fast sicher Blut an ihren Händen, viel Blut sogar. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass sie maßgeblich an Planung und Organisatiuon von terroristischen Operationen beteiligt waren, die den Tod tausender Menschen verusacht haben. Das selbe gilt mit höchster Wahrscheinlichkeit für die anderen "besonders wertvollen Gefangenen", deren Behandlung in ihrer geheimen Gefangenschaft durch Beamte der Vereinigten Staaten von Amerika in dem Bericht des IKRK mit so grauenhafter Genauigkeit beschrieben wird. Von allem, was wir wissen, verdienen es viele oder alle diese Männer, verurteilt und bestraft zu werden - "zur Rechenschaft gezogen zu werden," wie Präsident Bush es in seiner Ansprache an das amerikanische Volk am 6. September 2006 versprochen hat. 

Es scheint unwahrscheinlich, dass sie in näherer Zukunft vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Mitte Januar lehnte Susan J. Crawford, die von der Regierung Bush berufen worden war um zu entscheiden, welche Guantánamo-Häftlinge vor Militärkommissionen gestellt werden sollten, es ab, Mohammed al-Qahtani, der angeblich als Flugzeugentführer am 11. September vorgesehen war, aber von den Einreisebehörden am internationalen Flughafen von Orlando an der Einreise gehindert worden war, vor Gericht zu bringen. Nach seiner Gefangennahme Ende 2002 in Afghanistan wurde Qahtani in Guantánamo inhaftiert und von Vernehmungsbeamten des Verteidigungsministeriums verhört. Crawford, eine Richterin in Pension und ehemalige Leiterin der Rechtsabteilung der Armee sagte der Washington Post, dass sie zur Auffassung gekommen sei, dass Qahtanis "Behandlung der gesetzlichen Definition von Folter entspreche."  

Die Techniken, die sie anwendeten, waren alle genehmigt, aber die Art, in der sie diese anwendeten, war viel zu aggressiv und viel zu lange anhaltend ...

Wenn man an Folter denkt, denkt man an eine schreckliche Tat, die einem Menschen zugefügt wird. Das war keine besondere Tat; das war eine Kombination von Dingen, die eine medizinische Wirkung auf ihn hatten, die seine Gesundheit schädigten. Es war missbräuchlich und ungerechtfertigt. Und Zwang. Ganz eindeutig Zwang. (14)

Qahtanis Einvernahme in Guantánamo, von der Berichte in Time und The Washington Post erschienen sind, war intensiv und anhaltend, erstreckte sich über fünf Tage hintereinander beginnend im Spätherbst 2002 und führte in mindestens zwei Fällen zu seiner Überstellung in ein Krankenhaus. Einige der angewendeten Techniken, einschließlich Langzeitsitzen in gefesseltem Zustand, anhaltende Kälte, laute Musik und Lärm sowie Schlafentzug erinnern an die im IKRK-Bericht beschriebenen. Wenn die Einvernahme Qahtanis "unter Zwang" und "Missbrauch" ein Gerichtsverfahren gegen ihn unmöglich macht, kann man bezweifeln, ob einer der vierzehn "besonders wertvollen Gefangenen", deren Darstellungen in diesem Bericht aufgeführt sind, je Verhandlung und Verurteilung ein einem Verfahren erleben wird, das international anerkannten und gebilligten Maßstäben entspricht. 

Im Fall der Männer, die große Verbrechen begangen haben, scheint das den wichtigsten und folgerichtigsten Punkt zu markieren, in dem "Folter nicht wirkt." Der Gebrauch der Folter entzieht der Gesellschaft, deren Gesetze so unerhört gebrochen worden sind, die Möglichkeit, eine ordentliche Rechtssprechung auszuüben. Folter zerstört das Recht. Folter gibt dieses heilige Recht für spekulative Gewinne preis, deren Wert, gelinde ausgedrückt, äußerst zweifelhaft ist. John Kiriakou, der CIA-Beamte, der bei einem Teil von Zubaydahs Einvernahme dabei war, schilderte Brian Ross von ABC News was geschah, nachdem Zubaydah der Wasserfolter unterzogen worden war: 

Er wehrte sich. Er konnte der Wasserfolter ziemlich lange standhalten. Damit meine ich wahrscheinlich 30, 35 Sekunden ... Und eine kurze Zeit danach, am nächsten Tag oder so, sagte er seinem Vernehmungsbeamten, dass Allah ihn in der Nacht in seiner Zelle besucht und ihm befohlen habe, zu kooperieren, da seine Kooperation es für seine gefangenen Brüder leichter machen würde. Und von diesem Tag an antwortete er auf jede Frage, gerade so wie wir uns jetzt hier unterhalten ... Die Informationen über Bedrohungen, die er uns gab, brachten eine Anzahl von Angriffen zum Scheitern, vielleicht Dutzende Angriffe. 

Diese Behauptung, die auch Präsident Bush in seiner Ansprache wiedergab, ist Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. In der Tat war Bushs öffentliche Äußerung viel vorsichtiger formuliert: unter anderem, dass Zubaydahs Information den Decknamen ("Muktar") von Khaled Shaik Mohammed bestätigte und dadurch half, ihn zu verhaften, dass diese indirekt zur Verhaftung von Ramzi bin al-Shibb führte, einem Yemeniten, der eine weitere Schlüsselfigur bei der Planung der Angriffe des 11. September gewesen sei; und dass "sie uns half, einen weiteren geplanten Angriff in den Vereinigten Staaten von Amerika zu verhindern." 

Zumindest einige dieser Informationen kamen offensichtlich im Verlauf der früheren, nicht unter Zwang durchgeführten Einvernahme durch FBI-Agenten. Später, so der Reporter Ron Suskind

nannte Zubaydah zahllose Ziele in den Vereinigten Staaten von Amerika, um die Schmerzen zu beenden, alle unwesentlich. Man denke nur an die plötzliche Häufung von Alarmzuständen im Frühjahr und Sommer 2002, betreffend Angriffe auf Wohngebäude, Banken, Einkaufszentren und, natürlich, Atomkraftwerke.

Suskind ist nur der prominenteste von den Reportern mit guten Beziehungen zu Geheimdienstkreisen, die die Auffassung vertreten, dass die Bedeutung der Informationen, die von Zubaydah kamen sowie seine Position in der al-Qaeda in grober Weise und systematisch von Regierungsvertretern von Präsident Bush abwärts übertrieben worden sind. (15)

Obwohl es sehr unwahrscheinlich erscheint, dass Zubaydahs Information "vielleicht Dutzende von Angriffen" verhinderte, wie Kiriakou sagte, ist es in der Tat unmöglich, ohne eine eingehende Untersuchung der Verhöre gänzlich und ordentlich zu bewerten, welche Informationen die Vereinigten Staaten von Amerika wirklich bekamen im Gegenzug zu dem schwerwiegenden Preis, den das Land in praktischer, politischer, gesetzlicher und moralischer Hinsicht durch die Einführung einer Politik der Folter bezahlt. Da gibt es den Eindruck, dass die ganze Debatte darüber, welche Informationen Zubaydah lieferte oder nicht, und welche Angriffe dadurch verhindert oder nicht verhindert werden konnten - eine Debatte, die weitgehend mit Gerüchten durch äußerst interessierte Kreise betrieben wird - an sich die stille Akzeptanz auf beiden Seiten widerspiegelt, dass es um das mythische "tickende Bombe - Szenario" geht, von dem diejenigen schwärmen, die behaupten, dass Folter notwendig ist und das die Drehbuchautoren von TV-Sendungen wie "24" so schätzen. Das heißt, die Debatte dreht sich um das Thema, ob die Verhöre von Zubaydah direkt "eine Anzahl von Angriffen vereitelt haben." 

Vielleicht unabsichtlich ist Kiriakou äußerst aufschlussreich über den informativen Wert der Verhöre der "besonders wertvollen Gefangenen", wenn er erörtert, was die CIA wirklich von Zubaydah herausbekam: 

Was er liefern konnte waren Informationen über die Führung der al-Qaeda. Zum Beispiel, wenn Bin Laden X unternehmen wollte, welche Person würde dann diese oder jene Operation durchführen? "Oh, das wäre logischerweise Herr Y." Wir konnten diese Informationen dann benutzen, um einen Eindruck zu bekommen, wie al-Qaeda arbeitete, wie sie ihre Operationen entwarfen und wie dann die verschiedenen Zellen mit der Durchführung von Operationen beauftragt wurden.  ... Sein Wert bestand darin, dass uns jemand zur Verfügung stand, an den wir Ideen weiterleiten konnten, damit er diese kommentierte oder analysierte. 

Das klingt wahr, weil so die Geheimdienstarbeit funktioniert - durch das geduldige Sammeln von einzelnen Informationen, durch den Aufbau eines Bildes, das den Beamten hilft, den Sinn von anderen Informationen zu erkennen, die sie bekommen. Konnten also solche "Kommentare und Analysen" seitens eines Führungskaders der al-Qaeda möglicherweise dazu beitragen, eine "Anzahl von Angriffen, vielleicht Dutzende Angriffe" zu verhindern? Das scheint möglich - aber sollte das der Fall sein, wäre der Zusammenhang von Ursache und Wirkung kaum so direkt, sicher nicht annähernd so direkt, wie es die dramatischen Szenarios der Geschichten in Zeitungen und TV - und die Reden des Präsidenten - nahe legen. Die tickende Bombe, die demnächst explodieren und tausende oder Millionen von Menschen töten wird; der böse gefangene Terrorist, der allein weiß, wo sich diese befindet und wie sie entschärft werden kann; der verzweifelte Geheimdienstagent, der gezwungen ist, alles nur erdenkliche zu unternehmen, um diese Informationen zu bekommen - alle diese Dinge sind wohlbekannt und rufen große Emotionen hervor, sie spielen sich sehr häufig in der volkstümlichen Unterhaltung ab, nicht aber in weißen Räumen in Afghanistan.

Es gibt natürlich auch eine Kehrseite von "tickender Bombe" und Folter: Schmerz und Misshandlung setzen den Gefangenen einem unerträglichen Druck aus, etwas zu sagen, irgendetwas, damit der Schmerz aufhört, und erhöhen damit die Wahrscheinlichkeit, dass er Geschichten erfinden wird, was zu Zeitverlusten und schlimmerem führt. Zumindest einige der Angaben, die die "andere Art von Methoden" erbrachte, etwa Zubaydahs angebliche "Information" über Angriffe auf Einkaufszentren und Banken, scheinen die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika bewogen zu haben, wie sich nachträglich herausstellte, unbegründete Warnungen an die Amerikaner zu erlassen. Khaled Shaik Mohammed stellte das in seinen Interviews mit dem IKRK direkt fest. "In der brutalsten Phase meiner Verhöre," sagte er,

gab ich einen Haufen falscher Informationen, um die Vernehmungsbeamten zufriedenzustellen, indem ich ihnen sagte, was sie meiner Meinung nach hören wollten, um meine Qualen zu beenden. ... Ich bin sicher, dass die falschen Informationen, die ich erfinden musste ... viel von ihrer Zeit vergeudeten und zu einigen Fehlalarmen in den Vereinigten Staaten von Amerika geführt haben.

Was all das Gerede über tickende Bomben betrifft, konnten sich die Behörden kaum jemals, wenn überhaupt auf Informationen beziehen, die sie durch die Verhöre von Gefangenen mit "verbesserten Methoden" bekommen hatten, die sie in die Lage versetzt hätten, einen Angriff zu verhindern, der bereits in der "operativen Phase" war (das heißt über Aufklärungs- und Planungsphase hinaus). Dennoch war die weit verbreitete Meinung, dass solche Techniken Angriffe verhindert haben, aktiv gefördert vom Präsidenten und anderen Politikern, politisch entscheidend für die Bereitschaft, die Regierung mit diesen Verfahrensweisen weitermachen zu lassen, auch nachdem diese weitgehend öffentlich bekannt worden waren. Meinungsumfragen weisen darauf hin, dass eine Mehrheit von Amerikanern Folter nur unterstützen will, wenn sie sicher sein kann, dass das "einen terroristischen Angriff  vereiteln wird." Aufgrund der politischen Überzeugungskraft solcher Szenarien ist es von besonderer Bedeutung, dass eine zukünftige Untersuchung besonders den Behauptungen auf den Grund geht, dass Angriffe verhindert worden sind.  

Zur Zeit kann man unmöglich wissen, welche Vorteile - bei der Beschaffung von Informationen, im Bereich der nationalen Sicherheit, bei der Zerstörung von al-Qaeda - die Genehmigung der "anderen Art von Methoden" durch den Präsidenten den Vereinigten Staaten von Amerika gebracht haben könnte. Definitiv können wir allerdings sagen, dass diese Entscheidung amerikanische Interessen eindeutig nachweislich geschädigt hat. Einige davon praktisch und kennzeichnend: zum Beispiel wurden FBI-Agenten, unter diesen viele Fachleute mit großer Erfahrung und Ausbildung in Vernehmungen zurückgezogen, offensichtlich aufgrund von Bedenken ihrer Vorgesetzten nach der Entscheidung, gegen Abu Zubaydah die "andere Art von Methoden" einzusetzen. Weitläufiges Durchsickern von Informationen an die Presse von beiden Seiten, von Unterstützern sowie Kritikern der "anderen Art von Methoden" untergrub, was ein höchst geheimes Programm sein sollte; diese Lecks, hauptsächlich verursacht durch die großen Widersprüche, die dieses Programm in der nationalen Sicherheitsbürokratie hervorrief, trugen dazu bei, dass es nicht mehr länger haltbar war. 

Letztlich veranlasste diese Schwäche der Bürokratie Beamte der CIA, offensichtlich aus Angst vor Aufdeckung und möglicher Strafverfolgung einen Bestand von 92 Videoaufzeichnungen zu zerstören, die von den Verhören angefertigt worden waren, alle bis auf zwei von Abu Zubaydah. Ob der untersuchende Staatsanwalt befindet, dass diese Aktionen illegal sind, oder nicht, ist doch kaum anzunehmen, dass diese Aufnahmen keine wertvollen Informationen enthielten, die effektiv politischen Zwecken geopfert wurden. Ohne Zweifel hätten diese Aufnahmen eine entscheidende Rolle spielen können bei der Beantwortung der Frage, welche Vorteile, wenn überhaupt, dieses Programm für die Sicherheit der Vereinigten Staaten von Amerika gebracht hat.

Der weitaus größte Schaden entstand allerdings in legaler, moralischer und politischer Hinsicht. Nach dem Bekanntwerden des IKRK-Berichts kann man einige definitive Aussagen machen:

1. Ab dem Frühjahr 2002 begann die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika Gefangene zu foltern. Diese Folter, genehmigt vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und in ihrer täglichen Anwendung und Entwicklung überwacht von hohen Beamten einschließlich des höchsten Gesetzeshüters der Nation verstößt eindeutig gegen Verpflichtungen der Vereinigten Staaten von Amerika, die sich aus wichtigen internationalen Verträgen einschließlich der Genfer Konvention und der Konvention gegen die Folter ergeben, sowie gegen amerikanisches Recht. 

2. Die höchsten Vertreter der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, als höchster von diesen Präsident George W. Bush selbst, haben in dieser Angelegenheit wiederholt und eindeutig sowohl internationale Institutionen als auch direkt die Öffentlichkeit angelogen. Der Präsident log diesbezüglich in Pressekonferenzen, Interviews, und besonders eindeutig in Reden, die ausdrücklich das Ziel hatten, die Politik der Regierung im Bereich Vernehmungen den Menschen darzulegen, die ihn gewählt hatten.

3. Der U.S.-Kongress, bereits im Besitz eines großen Teils der Information über die von der Regierung betriebene Folter - über die breit in den Medien berichtet worden war und über die zumindest teilweise von Anfang an einige wenige Abgeordnete informiert worden waren - verabschiedete 2006 den Military Commissions Act (Gesetz über Militärkommissionen) und versuchte auf diese Weise, die Verantwortlichen vor Strafverfolgung nach dem Kriegsverbrechergesetz zu schützen.

4. Demokraten, die die Gesetzwerdung durch "Filibustering" (extensive Ausnützung von Redezeiten bis zum Fristablauf) verhindern hätten können, haben das nicht getan - was wohl hauptsächlich auf den heranrückenden Termin für die Halbzeitwahlen zurückzuführen war. Sie befürchteten nämlich, der Präsident und seine republikanischen Verbündeten könnten dadurch einen Vorteil erringen, dass sie sie bezichtigten, "Terroristen zu verhätscheln." Ein Senator fasste die Politik des Military Commissions Act mit bewundernswerter Offenheit zusammen:  

Bald werden wir den Termin im Herbst beschließen und der Wahlkampf wird ernsthaft beginnen. Und da wird es halbminütige Werbeeinschaltungen mit Angriffen gegen uns und negative Aussendungen geben, in denen an uns kritisiert wird, dass wir uns mehr um die Rechte von Terroristen kümmern als um den Schutz der Amerikaner. Und ich weiß, dass dieser vorliegende Gesetzesantrag eigens angelegt und zeitlich geplant wurde, um mehr Öl in dieses Feuer zu gießen. (16)  

Senator Barack Obama sagte nur laut, was jeder andere Abgeordnete wusste: dass in Bezug auf alle schrecklichen und grausigen Darstellungen, auf alle bekannt gewordenen Fotos und Dokumente und entsetzlichen Aussagen die rohe Politik in die andere Richtung verlief, sobald es um Folter nach dem 11. September ging. Die meisten Politiker bleiben davon überzeugt, dass die immer noch angsterfüllten Amerikaner - wenn sie die Wahl zwischen einem Jack Bauer aus der TV-Serie "24", dem Fantasiesymbol für ungehinderte Macht, die "tut, was es braucht", um sie vor dieser tickenden Bombe zu schützen und schwächlichen Liberalen haben, die "den Terroristen die Miranda-Rechte vorlesen" - jederzeit Bauer vorziehen würden. Wie Senator Obama sagte, nachdem das Gesetz, gegen das er gestimmt hat, beschlossen worden war, "hat heute die Politik gewonnen." 

5. Der politische Schaden für das Ansehen der Vereinigten Staaten von Amerika und die "weiche Macht" ihrer verfassungsmäßigen und demokratischen Ideale war, obwohl schwierig zu bemessen, enorm und anhaltend. In einem Krieg, der im Grund ein Aufstand in weltweitem Ausmaß ist - sozusagen ein politischer Krieg, in dem die Haltungen und Loyalitäten junger Moslems den kritischen Angelpunkt bilden - hat der Entschluss der Vereinigten Staaten von Amerika, Folter einzusetzen, zu einer ungeheuren selbst verschuldeten Niederlage geführt, hat liberale Sympathisanten abgeschreckt und andere davon überzeugt, dass das Land genau so ist, wie es seine Feinde beschreiben: eine skrupellose imperialistische Macht, die dazu entschlossen ist, Moslems zu unterdrücken und zu misshandeln. Indem wir die Folter wählten, wurden wir freiwillig zu dem Zerrbild, das sie aus uns gemacht hatten.


8.

Nach den Attacken des 11. September 2001 erschien Cofer Black, der ehemalige Leiter der Antiterrorismuszentrale der CIA und ein bekannt vielseitiger Hardliner vor dem Geheimdienstausschuss des Senats und gab die vielsagendste Äußerung dieser Zeit von sich: "Ich möchte nur sagen, dass es ein 'vor' 9/11 und ein 'nach' 9/11 gibt. Nach 9/11 wurden die Handschuhe ausgezogen." In den Tagen nach der Attacke konnte man das überall hören. Die Zeitungskommentatoren zitierten sie, die TV-Kommentatoren stolzierten damit herum, die Vernehmungsbeamten in Abu Ghraib benutzten sie in ihren Telegrammen. ("Meine Herren, bei diesen Gefangenen werden die Handschuhe ausgezogen, Colonel Boltz hat klar gemacht, dass wir wollen, dass diese Individuen gebrochen werden.") (17) 

Die Handschuhe wurden ausgezogen: vier einfache Wörter. Dennoch stehen sie für eine komplizierte Denkweise. Wenn die Handschuhe ausgezogen werden mussten heisst das, das sie vor der Attacke anbehalten wurden. In diesem Bild liegt eine Erklärung verborgen, was es besonders attraktiv für die Vertreter einer Regierung macht, die die tödlichste Attacke in der Geschichte des Landes aushalten musste. Wenn die Attacke Erfolg hatte, durfte das nichts damit zu tun haben, dass Informationen nicht weitergeleitet, Warnungen nicht beachtet oder hohe Beamte dem Terrorismus als größter Bedrohung zu wenig Beachtung gewidmet haben. Es musste zumindest zum Teil daran liegen, dass die Handschuhe anbehalten wurden - da die Reformen nach Watergate in den 1970ern, wo der Senat versuchte, der CIA Grenzen zu setzen, deren Freiheit, geheime Operationen durchzuführen und "abzustreiten" und Überwachungen in und außerhalb des Landes durchzuführen in gesetzwidriger Weise die Macht des Präsidenten eingeschränkt und dadurch das Schicksal des Landes gefährlich aufs Spiel gesetzt hatte. Es ist kein Zufall, dass zwei der mächtigsten Mitglieder der Regierung, Dick Cheney und Donald Rumsfeld als junge Männer in sehr hohen Positionen in den Regierungen Nixon und Ford gedient haben. Sie hatten aus nächster Nähe beobachtet, wie die Handschuhe angezogen wurden und behaupteten in den Wochen nach den 9/11-Attacken entsprechend nachdrücklich, dass es diese Einschränkungen waren - und nicht, wie stillschweigend angedeutet wurde, ein Fehler bei der Beachtung von Warnungen -, die zu der Verwundbarkeit des Landes gegenüber Attacken zumindest indirekt geführt hätten. 

Und so wurden nach einer verheerenden und unvermuteten Attacke die Handschuhe ausgezogen. Unter der Führung des Präsidenten und seiner engsten Berater vollzogen die Vereinigten Staaten von Amerika die Wandlung von einem Land, das zumindest offiziell die Folter verurteilte zu einem Land, dass sie praktizierte. Und diese verhängnisvolle Entscheidung wird nicht verschwinden, so sehr wir uns das auch wünschen, genauso wie auch die vierzehn "besonders wertvollen Gefangenen," gefoltert und daher nicht gerichtlich verfolgbar, nicht verschwinden werden. Wie die grotesken Schilderungen im IKRK-Bericht liegt diese Entscheidung vor uns, als eine giftige Tatsache, die unser politisches und moralisches Leben verseucht.

Seit der Inauguration Präsident Obamas nehmen die "besonderen Methoden" der vorhergehenden Regierung eine prominente Stellung in der Presse, besonders im Kabelfernsehen ein, die sie kaum jemals erreichten, als diese noch an Gefangenen praktiziert wurden. Das betrifft besonders die Wasserfolter, die laut dem ehemaligen CIA-Direktor seit 2003 nicht angewendet wurde. An seinem ersten Tag im Amt gab Präsident Obama Anweisungen, die die Anwendung diese Techniken stoppten und die Untersuchung von Vorgangsweisen der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika in Bereichen wie Auslieferung, Anhaltung, Verhörmethoden und anderen in die Wege leiteten.

Mittlerweile haben sich Führer der Demokraten im Kongress, die seit 2006 die Mehrheit haben, endlich zu ernsthaften Untersuchungen entschlossen. Die Senatoren Dianne Feinstein und Christopher Bond, Vorsitzender und hochrangiges Mitglied des Geheimdienstausschusses haben eine "Überprüfung des CIA-Anhaltungs- und Verhörprogramms" angekündigt, die unter anderem die Frage behandeln, "wie die CIA ihr Anhaltungs- und Verhörprogramm einrichtete, betrieb und aufrecht erhielt," "eine Auswertung der Informationen, die durch die Anwendung von verschärften und normalen Techniken der Vernehmung erzielt worden sind" durchführen und untersuchen werde "ob die CIA das Anhaltungs- und Verhörprogramm gegenüber anderen Abteilungen der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika richtig dargestellt hat," einschließlich, man beachte, "dem Geheimdienstausschuss des Senats." Laut Berichten werden diese Hearings allerdings kaum öffentlich stattfinden.

Im Februar forderte Senator Patrick Leahy, der Vorsitzende des Justizausschusses, die Einrichtung einer, wie er sie bezeichnet "unparteiischen Untersuchungskommission," besser bekannt als "Wahrheits- und Versöhnungskomitee," um zu untersuchen, "wie unsere Politik und Praktiken der Anhaltung, von Guantánamo bis Abu Ghraib fundamentale amerikanische Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit schwerwiegend untergraben haben." Nachdem Senator Leahys Kommission in erster Linie den Zweck haben sollte, alles zu untersuchen und öffentlich zu machen, was getan worden war - "um unsere moralische Führungsposition wieder herzustellen," sagte er, "müssen wir anerkennen, was in unserem Namen gemacht worden ist" -, würde er betroffenen Beamten Immunität im Gegenzug für wahrheitsgemäße Aussagen zusichern. Er sucht nicht Verfolgung und Gerechtigkeit, sondern Wissen und Aufdeckung: "Wir können die Seite nicht weiter blättern, ehe wir sie nicht gelesen haben."

Viele Vertreter von Menschenrechtsorganisationen, die lang und tapfer gekämpft haben, um Aufmerksamkeit und Gesetz auf diese Vorgänge zu lenken, weisen strikt jeden Vorschlag zurück, der weit gefasste Zusagen von Immunität enthält. Sie fordern Untersuchungen und strafrechtliche Verfolgungen von Vertretern der Regierung Bush. Die Wahlmöglichkeiten sind kompliziert und schmerzhaft. Soweit wir wissen, handelten Beamte mit der gesetzlichen Genehmigung der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika und auf Anweisungen der höchsten politischen Autorität, des gewählten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Politische Entscheidungen gewählter Vertreter haben zu diesen Verbrechen geführt. Aber die politische Meinung innerhalb der Regierung, und im Lauf der Zeit auch in einem gewissen Ausmaß außerhalb erlaubte es, dass diese weiter betrieben werden konnten. Wenn es eine Notwendigkeit der Strafverfolgung gibt, besteht auch ein grundlegender Bedarf an Erziehung. Nur eine glaubwürdige Untersuchung dessen, was getan wurde und welche Informationen dadurch gewonnen worden sind kann dazu führen, dass die politische Debatte rund um die Folter in eine andere Richtung geht, indem die öffentliche Auffassung von der tickenden Bombe durch ein Verständnis dessen ersetzt wird, was Folter ist und was erreicht und was verloren wird, wenn die Vereinigten Staaten von Amerika darauf zurückgreifen. 

Während Präsident Obama erklärte, dass "niemand über dem Gesetz steht, und wenn es klare Fälle von Verstößen gibt ... sollen diese Leute verfolgt werden," hat er auch seine Vorliebe ausgedrückt, "nach vorne zu blicken" und nicht "nach rückwärts." Man kann dieses Gefühl verstehen, aber sogar einige der Entscheidungen, die seine Administration bereits getroffen hat - zum Beispiel in Hinblick auf Staatsgeheimnisse - lassen das Ausmaß erkennen, in dem er und sein Justizministerium von den Taten seines Vorgängers verfolgt sein werden. Man denke an die kompromisslosen Worte von Justizminister Eric Holder, der auf eine direkte Frage in dem Senatshearing vor seiner Bestellung erklärte: "Waterboarding ist Folter." An dieser Äußerung ist nichts zweideutig - genauso wenig wie an den gleich unverblümten Äußerungen von hohen Vertretern der Regierung Bush einschliesslich Vizepräsident und CIA-Direktor, die eindeutig bestätigt haben, dass die Regierung Anweisung gegeben hat, Gefangene in ihrer Gewalt der Wasserfolter zu unterziehen. Wir leben also in einem furchtbaren Widerspruch, der uns erhalten bleiben wird, und nichts daran ist spitzfindig, genauso wie die Schilderungen in dem IKRK-Bericht in keiner Weise spitzfindig sind. "Es war," sagte Herr Cheney über die Wasserfolter "ein Kinderspiel für mich." Jetzt sind Abu Zubaydah und seine Mitgefangenen aus dem Dunkel herausgetreten, um den ehemaligen Vizepräsidenten an den Händen zu nehmen und seine Wahrhaftigkeit zu bezeugen. 

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Da sich die Fußnoten in erster Linie auf andere Publikationen beziehen, habe ich sie nicht übersetzt. Sie sind am Ende des Original-Artikels zu finden - Link siehe unten.

Bush1

© 2017 Mark Danner